Abrechnung mit Stalin — Nikita S. Chruschtschow 1956 vor dem XX. Parteikongreß der KPdSU

Nikita S. Chruschtschow 1956 vor dem XX. Parteikongreß der KPdSU

Genossen!

… Der Zweck des gegenwärtigen Berichts besteht nicht darin, eine gründliche Bewertung des Lebens und der Aktivität Stalins durchzuführen. Über Stalins Verdienste ist schon zu seinen Lebzeiten eine völlig ausreichende Anzahl von Büchern, Broschüren und Einzeluntersuchungen verfaßt worden. Die Rolle Stalins bei der Vorbereitung und Durchführung der Sozialistischen Revolution, während des Bürgerkrieges und im Kampf für den Aufbau des Sozialismus in unserem Lande ist allgemein bekannt. Darüber weiß jeder gut Bescheid. Wir haben uns mit der jetzt und künftig für die Partei überaus wichtigen Frage zu befassen, wie der Kult mit der Person Stalins sich allmählich entfalten konnte…

Gestatten Sie mir zunächst, Sie daran zu erinnern, mit welcher Schärfe die Klassiker des Marxismus-Leninismus jede Äußerung des Persönlichkeitskults verurteilt haben. In einem Brief an den deutschen Politarbeiter Wilhelm Blos erklärte Marx: >Im Widerwillen gegen allen Personenkult habe ich während der Zeit der Internationale die zahlreichen Anerkennungsmanöver, womit ich von verschiedenen Ländern aus molestiert ward, nie in den Bereich der Publizität dringen lassen, ich habe auch nie darauf geantwortet, außer hie und da durch Rüffel. Als Engels und ich dem Geheimbund der Kommunisten beitraten, verlangten wir die Entfernung all dessen aus den Statuten, was dem Autoritätsglauben förderlich sein konnte. Lassalle tat nachher genau das Gegenteil.<

Einige Zeit später schrieb Engels: >Wir beide, Marx und ich, haben immer jedwede öffentliche Manifestation zu Ehren von einzelnen abgelehnt, von solchen Fällen abgesehen, in denen ein wichtiger Grund vorlag; wir widersetzen uns ganz energisch solchen Manifestationen, die uns persönlich zu unseren Lebzeiten betrafen.<

Die große Bescheidenheit des Genius der Revolution, Wladimir Iljitsch Lenin, ist bekannt. Lenin betonte immer die Rolle des Volkes als Schöpfer der Geschichte, die leitende und organisatorische Rolle der Partei als eines lebendigen und schöpferischen Organismus und ebenso die Rolle des Zentralkomitees … Lenin sprach mit Stolz von der bolschewistischen Kommunistischen Partei als der Führerin und Lehrerin des Volkes. Er verlangte, daß alle wichtigen Fragen den bewußten Arbeitern und ihrer Partei zur Kenntnis gebracht und in diesem Kreise zur Diskussion gestellt werden sollten: Er sagte: >Wir glauben an sie, wir sehen in ihr die Weisheit, die Ehre und das Gewissen unserer Epoche.<

Lenin wandte sich entschieden gegen jeden Versuch, die leitende Rolle der Partei im Gefüge des Sowjetstaates zu bagatellisieren oder zu schwächen. Er entwickelte die bolschewistischen Prinzipien der Parteiführung und die Normen des Parteilebens, wobei er die Kollegialität als Richtschnur der Parteiführung betonte. Schon in den Jahren vor der Revolution bezeichnete Lenin das Zentralkomitee der Partei als ein Führungskollektiv, als den Hüter und Interpreten der Parteiprinzipien. >Im Intervall zwischen den Parteitagen<, erklärte Lenin, >hütet und interpretiert das Zentralkomitee die Parteiprinzipien.< Die Rolle und Autorität des Zentralkomitees der Partei kennzeichnete Wladimir Iljitsch mit den Worten: >Das Zentralkomitee konstituierte sich als streng zentralisierte und höchst maßgebende Gruppe.<

Zu Lenins Lebzeiten war das Zentralkomitee der Partei der echte Ausdruck der kollektiven Führung der Partei und der Nation. Als aktivistischer, revolutionärer Marxist, der in Prinzipienfragen allzeit unbeugsam blieb, drängte Lenin seinen Mitarbeitern doch niemals gewaltsam seine Ansichten auf. Er versuchte vielmehr, sie zu überzeugen; geduldig erklärte er anderen seine Auffassung. Stets war Lenin sorgsam darauf bedacht, daß die Normen des Parteilebens verwirklicht, daß die Bestimmungen des Parteistatuts befolgt, daß die Parteitage und die Plenarsitzungen des Zentralkomitees regelmäßig abgehalten wurden.

Abgesehen von W. I. Lenins großen Verdiensten um den Sieg der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauern, um den Sieg unserer Partei und um die Anwendung der Ideen des wissenschaftlichen Kommunismus auf das Leben zeigte sich sein Scharfblick auch darin, daß er beizeiten jene negativen Charaktereigenschaften Stalins aufdeckte, die später so ernst zu nehmende Konsequenzen zeitigten. Aus Besorgnis um die künftigen Geschicke der Partei und des Sowjetvolkes wies er auf die Notwendigkeit hin, die Entfernung Stalins vom Posten des Generalsekretärs in Erwägung zu ziehen, da Stalin zu brutal sei, nicht die richtige Einstellung zu den Genossen zeige, launisch sei und seine Macht mißbrauche. Im Dezember 1922 erklärte Wladimir Iljitsch in einem Brief an den Parteitag: >Genosse Stalin hat dadurch, daß er Generalsekretär geworden ist, eine gewaltige Macht in seinen Händen vereinigt, und ich bin durchaus nicht sicher, daß er es immer verstehen wird, diese Macht mit genügender Behutsamkeit zu benutzen.<

Dieser Brief, ein politisches Dokument von außerordentlicher Bedeutung, das in der Parteigeschichte als >Lenins Testament< bekannt ist, wurde allen Delegierten des XX. Parteikongresses ausgehändigt. Sie haben es gelesen, und sie werden es zweifellos noch mehr als einmal studieren. Denken Sie über die klaren Worte Lenins nach, in denen Wladimir Iljitschs Besorgnis über die Geschicke der Partei, des Volkes, des Staates und über die künftige Führung der Parteipolitik zum Ausdruck kommt.

Wladimir Iljitsch sagte: >Stalin ist zu grob, und wenn dieser Fehler auch in unserem Kreise und in den Beziehungen unter uns Kommunisten erträglich ist, so wird er ganz unerträglich im Geschäftszimmer des Generalsekretärs. Darum schlage ich den Genossen vor, einen Weg zu finden, um Stalin aus dieser Position zu entfernen und dafür einen anderen Mann auszuwählen, der sich aber in jeder Beziehung nur dadurch von Stalin unterscheiden darf, daß er geduldiger, loyaler, höflicher, aufmerksamer gegen die Genossen ist, nicht so launisch usw.< Dieses Dokument wurde auch den Delegierten des XIII. Parteitags bekanntgegeben,

die die Frage der Entfernung Stalins aus der Position des Generalsekretärs diskutierten. Die Delegierten befürworteten jedoch die Belassung Stalins auf seinem Posten in der Hoffnung, er werde sich die kritischen Bemerkungen Wladimir Iljitschs zu Herzen nehmen und imstande sein, die Fehler abzulegen, die Lenin so ernste Sorgen bereitet hatten.

Genossen! Der Parteikongreß sollte sich auch mit zwei weiteren Dokumenten vertraut machen, die die Beurteilung des Charakters Stalins bestätigen, welche Wladimir Iljitsch Lenin bereits in seinem >Testament< gegeben hatte. Bei diesen Dokumenten handelt es sich um einen Brief von Nadeshda Konstantinowna Krupskaja an Kamenew, den damaligen Vorsitzenden des Politbüros, und um ein Schreiben, das Wladimir Iljitsch persönlich an Stalin richtete. Ich möchte diese Dokumente jetzt zur Verlesung bringen:

>Lew Borisowitsch! Wegen eines kurzen Briefes, den ich in den Worten niedergeschrieben hatte, die mir Wladimir Iljitsch mit ärztlicher Erlaubnis diktierte, gestattete sich Stalin gestern mir gegenüber eine ungewöhnlich grobe Ausfälligkeit. Ich bin nicht erst seit einem Tage Parteimitglied, aber in all diesen dreißig Jahren habe ich niemals von irgendeinem Genossen ein grobes Wort gehört. Die Sache der Partei und Iljitschs ist mir nicht weniger teuer als Stalin. Ich muß im Augenblick ein Höchstmaß von Selbstbeherrschung aufbieten. Was man mit Iljitsch besprechen kann oder nicht, weiß ich besser als jeder Arzt, weil ich weiß, was ihn nervös macht und was nicht. Auf jeden Fall weiß ich es besser als Stalin. Ich wende mich an Dich und an Grigorij als den Genossen, die W. I. viel näher stehen, und ich bitte Euch, mich vor solchen rücksichtslosen Entscheidung in mein Privatleben, vor so gemeinen Beleidigungen und Drohungen zu schützen. Ich habe keinen Zweifel, wie die einmütige Entscheidung der Kontrollkommission ausfallen wird, mit der Stalin mir drohen zu müssen glaubte; doch habe ich weder genügend Kraft noch Zeit, um sie auf diesen dummen Streit zu verwenden. Ich bin schließlich ein lebendiger Mensch, und meine Nerven sind bis zum äußersten angespannt. N. Krupskaja.<

Nadeshda Konstantinowa schrieb diesen Brief am 23. Dezember 1922. Zweieinhalb Monate später, im März 1923, sandte Lenin folgenden Brief an Stalin:

>A.n Genossen Stalin. Abschriften an Kamenew und Sinowjew. Lieber Genosse Stalin! Du hast Dir erlaubt, meine Frau in grober Form ans Telefon zu zitieren und sie sehr grob zu tadeln. Obwohl sie Dir gesagt hat, sie wolle Deine Bemerkungen vergessen, haben Sinowjew und Kamenew dennoch durch sie von der Sache erfahren. Ich habe nicht die Absicht, etwas so leicht zu vergessen, was gegen mich gerichtet ist, und ich brauche hier wohl nicht zu betonen, daß ich alles als gegen mich gerichtet betrachte, was meiner Frau angetan wird. Ich ersuche Dich deshalb, sorgfältig zu prüfen, ob es Dir lieber ist, Deine Worte zurückzunehmen und Dich zu entschuldigen, oder ob Du den Abbruch der Beziehungen zwischen uns vorziehst. 5. März 1923. Lenin.<

Genossen! Ich möchte diese Dokumente nicht kommentieren. Sie sprechen beredt genug für sich selbst. Wenn Stalin sich zu Lenins Lebzeiten so benehmen konnte, wenn er Nadeshda Konstantinowa Krupskaja so behandeln konnte, die die Partei kennt und schätzt als treue Gefährtin Lenins und als aktive Kämpferin für die Sache der Partei seit deren Begründung, dann können wir uns leicht vorstellen, wie Stalin andere Leute behandelte. Diese seine negativen Charaktereigenschaften haben sich ständig weiterentwickelt, so daß man in den letzten Jahren mit ihm absolut nicht mehr auskommen konnte …

Wenn wir Stalins Praxis bei der Führung der Partei und des Landes analysieren, wenn wir reiflich bedenken, was Stalin alles angerichtet hat, dann müssen wir zu der Überzeugung gelangen, daß Lenins Befürchtungen berechtigt waren. Die negativen Charakterzüge Stalins, zu Lenins Zeit erst im Ansatz vorhanden, entfalteten sich immer stärker und führten in den letzten Jahren zu einem folgenschweren Mißbrauch der Macht durch Stalin, der der Partei unsagbaren Schaden zufügte.

Stalin hielt sich nicht damit auf, die Menschen zu überzeugen, aufzuklären und geduldig mit ihnen zusammenzuarbeiten, sondern er zwang anderen seine Ansichten auf und verlangte absolute Unterwerfung unter seine Meinung. Wer sich seiner Konzeption widersetzte oder einen eigenen Standpunkt zu vertreten, die Korrektheit der eigenen Position zu beweisen suchte, wurde unweigerlich aus dem Führungskollektiv ausgestoßen und anschließend sowohl moralisch als auch physisch vernichtet ..

Dabei ist festzuhalten, daß sich die Partei in einem harten Kampf gegen die Trotzkisten, die Rechten und die bürgerlichen Nationalisten durchgesetzt und daß sie alle Feinde des Leninismus ideologisch entwaffnet hatte. Der erfolgreiche Verlauf dieses ideologischen Kampfes hatte die Partei gestärkt und gestählt, und hierbei spielte Stalin eine positive Rolle …

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß selbst während dieses erbitterten ideologischen Kampfes gegen die Trotzkisten, Sinowjewisten, Bucharinisten und andere Gruppen noch keine radikalen Unterdrückungsmaßnahmen angewandt wurden, da sich der Kampf auf ideologischer Grundlage abspielte. Erst einige Jahre später, als die Fundamente des Sozialismus in unserem Land gelegt, die ausbeutenden Klassen im allgemeinen liquidiert waren, als sich die soziale Struktur der Sowjet-Union von Grund auf geändert hatte und die soziale Basis für parteifeindliche Gruppen und Bewegungen entscheidend eingeengt war, als die ideologischen Gegner der Partei politisch längst geschlagen waren, da erst setzten die gegen sie gerichteten Unterdrückungsmaßnahmen ein.

In dieser Periode, von 1933 bis 1938, begann die Massenunterdrückung durch den Regierungsapparat. Sie richtete sich zunächst gegen die Feinde des Leninismus – die Trotzkisten, Sinowjewisten und Bucharinisten -, nachdem diese von der Partei längst politisch besiegt worden waren. In der Folge griff sie aber auch auf zahlreiche aufrechte Kommunisten über, auf diejenigen Parteikader, die die schwere Last des Bürgerkrieges, der ersten und schwierigsten Jahre der Industrialisierung und Kollektivisierung getragen, auf Männer, die aktiv gegen die Trotzkisten und die Rechten für die leninistische Parteilinie gekämpft hatten.

Von Stalin stammt der Begriff des >Volksfeindes<. Dieser Terminus machte es von vornherein überflüssig, einer Person oder Personengruppe, die sich mit ihm im Widerspruch befand, ideologische Irrtümer nachzuweisen. Dieser Terminus ermöglichte die Anwendung grausamster Unterdrückung, die Verletzung aller Normen der revolutionären Gesetzlichkeit zum Nachteil derer, die in irgendeinem Punkt nicht mit Stalin übereinstimmten, bei denen auch nur der geringste Verdacht feindlicher Absichten bestand und die nicht gut angeschrieben waren. Dieser Begriff des >Volksfeindes< machte jede Form des ideologischen Kampfes beziehungsweise jede freie Meinungsäußerung dieser oder jener Frage, auch wenn sie rein politischer Natur war, unmöglich …

Es ist eine Tatsache, daß viele Personen, die in der Folge als Partei- und Volksfeinde liquidiert wurden, Mitarbeiter Lenins waren. Einige von ihnen haben, als Lenin noch lebte, Irrtümer begangen, aber gleichwohl hat Lenin aus ihrer Arbeit Nutzen gezogen, er hat sie korrigiert und sein Möglichstes getan, um sie der Partei zu erhalten. Er spornte sie an, ihm zu folgen.

In diesem Zusammenhang sollten die Delegierten des Parteikongresses von einer bisher unveröffentlichten Notiz Kenntnis nehmen, die W. I. Lenin im Oktober 192o dem Politbüro des Zentralkomitees zugehen ließ. Die Aufgaben der Kontrollkommission umreißend, schrieb Lenin, die Kommission müsse zu einem wirklichen >Organ des Partei- und proletarischen Gewissens< gemacht werden. >Als besondere Aufgabe der Kontrollkommission<, heißt es in dieser Notiz, >wird die Herstellung einer engen individuellen Verbindung, die in manchen Fällen eine Art Heilbehandlung sein sollte, zu den Vertretern der sogenannten Opposition empfohlen, zu denen, die wegen eines Fehlschlages in ihrer Sowjet- oder Parteilaufbahn in eine psychologische Krise geraten sind. Man sollte bemüht sein, sie zu beruhigen, ihnen die Sache in der unter Genossen üblichen Art zu erklären, für sie (ohne ihnen Befehle zu erteilen) eine Aufgabe zu finden, die ihrer psychologischen Verfassung entspricht. Ratschläge und Richtlinien hierfür sind vom Organisationsbüro des Zentralkomitees auszuarbeiten!<

Es ist jedermann bekannt, wie unversöhnlich Lenin gegenüber den ideologischen Feinden des Marxismus und gegenüber denjenigen war, die von der korrekten Parteilinie abwichen, Aber Lenin hat gleichzeitig, wie aus dem erwähnten Dokument hervorgeht, in seiner Praxis der Parteiführung den engsten Parteikontakt zu Leuten gefordert, bei denen trotz gewissen Schwankungen oder zeitweiligen Abweichungen von der Parteilinie noch immer die Möglichkeit bestand, daß sie auf den Weg der Partei zurückfanden. Lenin empfahl, diese Leute geduldig zu erziehen, ohne extreme Methoden anzuwenden.

Lenins Weisheit im Umgang mit Menschen trat in seiner Kaderarbeit klar zutage. Ganz anders war dagegen die Einstellung Stalins zu seiner Umgebung. Lenins charakteristische Eigenschaften – geduldige Arbeit mit den Menschen im Interesse ihrer unablässigen und gewissenhaften Schulung, seine Fähigkeit, die Menschen für sich zu gewinnen, so daß sie ihm ohne Zwang, lediglich unter dem ideologischen Einfluß des gesamten Kollektivs folgten – waren Stalin vollkommen fremd. Stalin gab die leninistische Methode der Überzeugung und Erziehung auf, er vertauschte die Methode des ideologischen Kampfes mit der der administrativen Gewaltanwendung, der Massenunterdrückung und des Terrors. Er stützte sich bei seinen Aktionen in zunehmendem Maße und mit wachsendem Starrsinn auf die Straforgane und verletzte dabei häufig alle bestehenden Normen der Moral und des sowjetischen Rechts … Unsere Partei kämpfte für die Verwirklichung der Pläne Lenins, für den Aufbau des Sozialismus. Das war ein ideologischer Kampf. Wären Lenins Grundsätze im Verlauf dieses Kampfes befolgt worden, hätte man die Prinzipientreue der Partei geschickt mit lebhafter und eifriger Sorge um die Menschen gepaart, wären die Menschen nicht zurückgestoßen und vergeudet, sondern auf unsere Seite gezogen worden, dann wäre es bestimmt nicht zu so brutalen Verstößen gegen die revolutionäre Gesetzlichkeit gekommen und viele Tausende wären nicht den Terrormethoden zum Opfer gefallen. Außergewöhnliche Maßnahmen hätte man dann nur gegen jene ergriffen, die wirklich verbrecherische Handlungen gegen das Sowjetsystem begangen hatten.

In diesem Zusammenhang möchte ich an verschiedene geschichtliche Tatsachen erinnern. In der Zeit vor der Oktoberrevolution lehnten zwei Mitglieder des Zentralkomitees der Bolschewistischen Partei, Kamenew und Sinowjew, Lenins Plan eines bewaffneten Aufstands ab. Außerdem veröffentlichten sie am 18. Oktober in dem Menschewiken-Organ >Nowaja Shisnj< eine Erklärung des Inhalts, daß die Bolschewiki einen Aufstand vorbereiteten, was ihrer Ansicht nach eine Abenteurerpolitik sei. Kamenew und Sinowjew verrieten also dem Feind den Beschluß des ZK, einen Aufstand zu entfesseln, der binnen kurzem stattfinden sollte.

Das war Verrat an der Partei und an der Revolution. In diesem Zusammenhang schrieb W. I. Lenin: >Kamenew und Sinowjew verrieten den Beschluß des Zentralkomitees ihrer Partei über den bewaffneten Aufstand an Rodsjanko und Kerenskij.< Lenin forderte das Zentralkomitee auf, über den Ausschluß Sinowjews und Kamenews aus der Partei zu beraten. Aber nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution wurden Sinowjew und Kamenew bekanntlich mit führenden Stellungen betraut. Lenin gab ihnen Posten, auf denen sie äußerst verantwortungsvolle Parteiaufgaben zu bewältigen hatten und an der Tätigkeit der führenden Partei- und Sowjetorgane aktiv teilnahmen. Es ist bekannt, daß Sinowjew und Kamenew zu Lebzeiten Lenins eine Anzahl weiterer schwerer Irrtümer begingen. In seinem >Testament< hob Lenin warnend hervor, daß >Sinowjews und Kamenews Oktoberepisode natürlich kein Zufall war<. Aber Lenin forderte weder ihre Verhaftung und noch viel weniger ihre Erschießung.

Nehmen wir einmal das Beispiel der Trotzkisten. In diesem Augenblick, mit genügend langem historischem Abstand, können wir über den Kampf gegen die Trotzkisten in völliger Ruhe sprechen und diese Angelegenheit mit ausreichender Objektivität betrachten. Alles in allem befanden sich in der Umgebung Trotzkis Leute, die keineswegs der bürgerlichen Gesellschaft entstammten. Ein Teil von ihnen gehörte zur Parteiintelligenz, und ein gewisser Teil kam aus der Arbeiterschaft. Wir können einige nennen, die sich damals den Trotzkisten anschlossen, Leute, die an der Arbeiterbewegung vor der Revolution, während der Sozialistischen Oktoberrevolution selbst und auch bei der Festigung des Sieges dieser größten aller Revolutionen aktiven Anteil gehabt haben. Viele von ihnen brachen mit dem Trotzkismus und kehrten zum Leninismus zurück. War es nötig, solche Leute zu vernichten? Wir sind zutiefst davon überzeugt, daß gegen viele von ihnen, wenn Lenin noch gelebt hätte, solche extremen Methoden nicht angewandt worden wären.

Das sind nur ein paar geschichtliche Tatsachen. Aber kann man sagen, daß Lenin sich nicht für die Anwendung der schärfsten Mittel gegen die Feinde der Revolution entschieden hat, wenn dies tatsächlich notwendig war? Nein, das kann niemand behaupten. Wladimir Iljitsch forderte ein kompromißloses Vorgehen gegen die Feinde der Revolution und der Arbeiterklasse, und im Notfall griff er unbedenklich zu entsprechenden Methoden. Sie brauchen nur an seinen Kampf gegen die Sozialrevolutionäre zu denken, die den antisowjetischen Aufstand organisierten, gegen die konterrevolutionären Kulaken im Jahre 1918 und gegen andere Gruppen, als er ohne Zögern die radikalsten Methoden gegen die Feinde anwandte …

Stalin dagegen griff zu radikalen Methoden und zu Massenunterdrückungen in einer Zeit, als die Revolution schon siegreich und der Sowjetstaat gefestigt war, als nach der Liquidierung der ausbeutenden Klassen die sozialistischen Produktionsverhältnisse in allen Zweigen der Volkswirtschaft bereits tiefe Wurzeln geschlagen hatten, als unsere Partei politisch gefestigt, zahlenmäßig gewachsen und ideologisch erstarkt war. Es ist klar, daß Stalin sich hier in einer ganzen Anzahl von Fällen als intolerant und brutal erwies und daß er seine Macht mißbrauchte. Anstatt seine politische Korrektheit zu beweisen und die Massen zu mobilisieren, schlug er oft den Weg der Unterdrückung und physischer Vernichtung ein, und zwar nicht nur gegen tatsächliche Feinde, sondern auch gegen Personen, die keine Verbrechen gegen die Partei und die Sowjetregierung begangen hatten. Hier ist keine Weisheit, sondern nur die Demonstration brutaler Gewalt festzustellen, die schon Lenin so sehr beunruhigt hatte …

Es ist sehr bezeichnend, daß Lenin seine letzten Artikel, Briefe und Bemerkungen an den Parteitag als höchste Parteiinstanz richtete. In der Zeit zwischen den Parteitagen hielt sich das Zentralkomitee als höchstes Führungskollektiv peinlich genau an die Prinzipien der Partei und führte ihre Politik aus. So war es zu Lenins Lebzeiten. Wurden die heiligen leninistischen Prinzipien unserer Partei auch nach dem Tode Wladimir Iljitschs beachtet?

Während in den ersten Jahren nach Lenins Tod Parteitage und Sitzungen des ZK-Plenums mehr oder weniger regelmäßig stattfanden, wurden diese Grundsätze später, als Stalin seine Macht immer mehr mißbrauchte, in brutaler Weise verletzt. Das zeigte sich besonders während seiner letzten fünfzehn Lebensjahre. Kann man noch von normalen Verhältnissen sprechen, wenn zwischen dem XVIII. und dein XIX. Parteikongreß dreizehn Jahre verstrichen, Jahre, in denen unsere Partei und unser Land so viele wichtige Ereignisse durchmachten? Diese Ereignisse verlangten kategorisch nach Parteibeschlüssen über die Landesverteidigung während des Großen Vaterländischen Krieges und über den friedlichen Wiederaufbau nach Beendigung des Krieges. Selbst nach Kriegsende dauerte es sieben Jahre, bis wieder ein Parteikongreß stattfand.

Es wurden kaum noch ZK-Plenarsitzungen einberufen. Man braucht nur zu erwähnen, daß während des ganzen Großen Vaterländischen Krieges keine einzige Sitzung des Plenums des Zentralkomitees stattgefunden hat…

Das ZK, das sich im Besitze zahlreicher Unterlagen über die brutale und willkürliche Behandlung der Parteikader befindet, hat eine Parteikommission eingesetzt, die unter der Kontrolle des Präsidiums des Zentralkomitees steht. Die Kommission wurde beauftragt, Untersuchungen darüber anzustellen, wieso Massenunterdrückungen gegen die Mehrheit der Mitglieder und Kandidaten des ZK, die auf dem XVII. Parteitag der KPdSU (B) gewählt worden waren, möglich gewesen sind.

Die Kommission hat umfangreiches Material aus den NKWD-Archiven und andere einschlägige Dokumente gesichtet und in zahlreichen Fällen festgestellt, daß Anklagen gegen Kommunisten konstruiert, falsche Anschuldigungen erhoben und schamlose Mißbräuche mit der sozialistischen Gesetzlichkeit geduldet wurden – was zum Tode unschuldiger Menschen führte. Es hat sich erwiesen, daß viele Aktivisten der Partei, der Sowjets und der Wirtschaft, die in den Jahren 1937 bis 1938 zu >Volksfeinden< gestempelt worden waren, in Wirklichkeit niemals Feinde, Spione, Schädlinge und so weiter waren, sondern immer nur aufrechte Kommunisten. Sie wurden nur als Feinde gebrandmarkt und bezichtigten sich oft selbst, weil sie die barbarischen Folterungen nicht länger ertragen konnten (nach den Weisungen der Untersuchungsrichter – und Wahrheitsverfälscher), aller möglichen schweren und unwahrscheinlichen Verbrechen. Die Kommission hat dem Präsidium des Zentralkomitees umfangreiches Dokumentenmaterial über Massenrepressalien gegen die Delegierten des XVII. Parteitags und gegen Mitglieder des Zentralkomitees, die auf diesem Parteitag gewählt worden waren, unterbreitet. Das Präsidium des Zentralkomitees hat dieses Material eingehend geprüft.

Es wurde festgestellt, daß von den auf dem XVII. Parteitag gewählten 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees der Partei 98 Personen, das sind 7o Prozent, in den Jahren 1937 bis 1938 verhaftet und liquidiert wurden.

Wie war die Zusammensetzung der Delegierten des XVII. Parteitags? Es ist bekannt, daß 8o Prozent der stimmberechtigten Delegierten dieses Parteitags in den Jahren der Verschwörung vor der Oktoberrevolution und während des Bürgerkriegs, also vor 1921, der Partei beigetreten waren. Nach der gesellschaftlichen Herkunft handelt es sich bei der Masse der Delegierten des XVII. Parteitags um Arbeiter (6o Prozent der Stimmberechtigten).

Schon aus diesem Grunde mußte es unfaßbar scheinen, daß ein Parteitag mit einer solchen gesellschaftlichen Struktur ein Zentralkomitee gewählt haben soll, das in der Mehrheit aus Parteifeinden bestand. Der einzige Grund, warum 70 Prozent aller Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees als Feinde der Partei und des Volkes angeprangert wurden, war der, daß man Verleumdungen gegen sie vorbrachte, falsche Anschuldigungen gegen sie konstruierte und die revolutionäre Gesetzlichkeit in unzulässiger Weise aushöhlte.

Das gleiche Schicksal ereilte nicht nur die Mitglieder des Zentralkomitees, sondern auch die Mehrzahl der Delegierten des XVII. Parteitags. Von 1966 stimmberechtigten oder beratenden Delegierten wurden 1008 Personen, also über die Hälfte aller Delegierten, unter der Beschuldigung gegenrevolutionärer Verbrechen verhaftet. Allein diese Tatsache beweist wie absurd, phantastisch und widersinnig die Beschuldigungen wegen gegenrevolutionärer Verbrechen waren, die, wie wir jetzt sehen können, der Mehrheit der Delegierten des XVIL Parteitags zur Last gelegt wurden.

Wir sollten uns daran erinnern, daß der XVII. Parteitag als Parteitag der Sieger in die Geschichte einging. Die Delegierten dieses Parteitags nahmen aktiv am Aufbau unseres sozialistischen Staates teil; viele von ihnen litten und kämpften in den vorrevolutionären Jahren der Verschwörung und an den Fronten des Bürgerkrieges für die Interessen der Partei. Tapfer kämpften sie gegen ihre Feinde und schauten oft dem Tod kaltblütig ins Angesicht. Wie konnten wir da glauben, diese Menschen seien Doppelzüngler und hätten in der Zeit nach der politischen Liquidierung der Sinowjewisten, Trotzkisten und Rechten sowie nach den großen Errungenschaften des sozialistischen Aufbaus im Lager der Feinde des Sozialismus gestanden? …

Die Massenunterdrückungen und brutalen Verstöße gegen die sozialistische Gesetzlichkeit begannen nach dem Meuchelmord an S. M. Kirow. Am Abend des 1. Dezember 1934 unterzeichnete der Sekretär des Präsidiums des Zentralen Exekutivkomitees, Jenukidse, auf Veranlassung Stalins (ohne die Genehmigung des Politbüros, die beiläufig erst zwei Tage später erteilt wurde) folgende Weisung:

1. Die Untersuchungsorgane werden angewiesen, die Fälle der wegen Vorbereitung beziehungsweise Ausführung von Terrorakten Angeklagten beschleunigt zu behandeln.

2. Die Gerichtsorgane werden angewiesen, die Vollstreckung der wegen Verbrechen dieser Kategorie ausgesprochenen Todesurteile nicht im Hinblick auf eine eventuelle Begnadigung aufzuschieben, da das Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR die Entgegennahme von Eingaben dieser Art nicht für möglich erachtet.

3. Die Organe des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD) werden angewiesen, die Todesurteile gegen Verbrecher, die der oben angeführten Kategorie angehören, unmittelbar nach der Urteilsverkündigung zu vollstrecken.<

Diese Weisung war die Grundlage für den massiven Mißbrauch der sozialistischen Gesetzlichkeit. In zahlreichen arrangierten Gerichtsverfahren wurden die Angeklagten >der Vorbereitung< von Terrorakten beschuldigt; dadurch waren sie jeder Möglichkeit beraubt, ihre Fälle überprüfen zu lassen, selbst wenn sie vor Gericht aussagten, ihre >Geständnisse seien erpreßt worden, oder wenn sie in überzeugender Weise die gegen sie erhobenen Anschuldigungen entkräften konnten.

Es muß festgestellt werden, daß die Umstände der Ermordung Kirows bis auf den heutigen Tag in vielen Punkten ungeklärt und mysteriös sind, so daß sie noch einer gründlichen Überprüfung bedürfen. Der Verdacht scheint begründet, daß der Mörder Kirows, Nikolajew, von jemanden unterstützt wurde, dessen Pflicht es gewesen wäre, Kirows Person zu schützen. Anderthalb Monate vor dem Mord war Nikolajew wegen verdächtigen Verhaltens verhaftet, dann aber ohne Vornahme einer Leibesvisitation wieder freigelassen worden. Es erscheint ungewöhnlich verdächtig, daß der für Kirows Schutz verantwortliche Tschekist, als er am 2. Dezember 1934 zum Verhör gebracht wurde, bei einem >Verkehrsunfall< ums Leben kam, bei dem sonst kein anderer Mitfahrender Schaden erlitt. Nach Kirows Ermordung erhielten Spitzenfunktionäre des Leningrader NKWD ganz minimale Strafen, aber 1937 wurden sie erschossen. Es ist anzunehmen, daß man mit ihrer Erschießung die Spuren der Organisatoren des Mordes an Kirow auslöschen wollte.

Ende 1936, nach einem Telegramm, das Stalin und Schdanow am 25. September 1936 von Sotschi aus an Kaganowitsch, Molotow und andere Mitglieder des Politbüros gerichtet hatten, nahmen die Massenunterdrückungen ungewöhnlichen Umfang an. Das Telegramm lautete: >Wir halten es für unbedingt notwendig und dringlich, daß Genosse Jeshow zum Volkskommissar für Innere Angelegenheiten ernannt wird. Jagoda hat sich endgültig als unfähig erwiesen, den Block der Trotzkisten und Sinowjewisten zu entlarven. Die GPU ist in dieser Angelegenheit um vier Jahre im Verzug. Das wird von allen Parteifunktionären und den meisten NKWD-Mitarbeitern bemerkt.<

Es sei darauf hingewiesen, daß Stalin genau genommen mit Parteifunktionären gar nicht mehr zusammenkam und ihre Ansichten deshalb gar nicht kennen konnte. Diese Stalinsche Formulierung, daß das >NKWD< bei der Anwendung von Massenrepressalien >vier Jahre im Verzug< sei und daß die Notwendigkeit bestehe, diesen Rückstand >aufzuarbeiten<, trieb die NKWD-Mitarbeiter geradezu auf die Bahn der Massenverhaftungen und -hinrichtungen.

Wir betonen, daß diese Formulierung auch dem Plenum des Zentralkomitees der KPdSU (B) vom Februar-März 1937 aufgezwungen wurde. Die Resolution des Plenums billigte sie auf Grund von Jeshows Bericht >Lehren aus der Schädlings- Diversions- und Spionagetätigkeit der japanischen, deutschen und trotzkistischen Agenten< mit folgenden Worten: >Das Plenum des ZK der KPdSU (B) ist der Ansicht, daß alle Tatsachen, die im Laufe der Untersuchung in der Angelegenheit des antisowjetisch-trotzkistischen Zentrums und seiner Anhänger in der Provinz enthüllt wurden, beweisen, daß das Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten bei seiner Aufgabe, diese unerbittlichsten Feinde des Volkes zu entlarven, mindestens vier Jahre in Verzug geraten ist.<

Die damaligen Massenunterdrückungen erfolgten unter der Losung des Kampfes gegen die Trotzkisten. Waren denn die Trotzkisten zu jener Zeit tatsächlich eine solche Gefahr für unsere Partei und den Sowjetstaat? In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß 1927, kurz vor dem XV. Parteitag, nur ungefähr 4000 Stimmen für die trotzkistisch-sinowjewistische Opposition, gegenüber 724000 für die Parteilinie abgegeben wurden. Im Verlauf der zehn Jahre vom XV. Parteitag bis zum Februar-März-Plenum des Zentralkomitees wurde der Trotzkismus völlig entwaffnet …

Stalins Bericht auf der Plenartagung des Zentralkomitees im Februar und März 1937 über >Mängel in der Parteiarbeit und Methoden für die Liquidierung von Trotzkisten und anderen Doppelzünglern< stellte den Versuch einer theoretischen Rechtfertigung der Politik des Massenterrors unter dem Vorwand dar, daß der Klassenkampf sich erheblich im Fortschreiten auf dem Wege zum Sozialismus zunehmend verschärfen müsse. Stalin versicherte, diese Erkenntnisse aus der Geschichte und Lenins Werken abgeleitet zu haben.

Lenin lehrte aber tatsächlich, daß die Anwendung revolutionärer Gewalt durch den Widerstand der Ausbeuterklassen notwendig werde, und er bezog sich dabei auf die Zeit, da diese Ausbeuterklassen noch bestanden und über Macht verfügten. Als sich aber die politische Lage des Landes gebessert hatte, nachdem nämlich die Rote Armee im Januar 1920 Rostow eingenommen und damit einen höchst bedeutsamen Sieg über Denikin errungen hatte, wies Lenin Dsershinskij an, Massenterror einzustellen und die Todesstrafe abzuschaffen. Lenin begründete diesen wichtigen politischen Schritt des Sowjetstaates in seinem Bericht vor dem Allunions-Zentralexekutivkomitee am 2,. Februar 1920 folgendermaßen:

>Der Terror, den die Entente ausübte, als starke Weltmächte ihre Horden auf uns losließen, die vor nichts zurückschreckten, zwang uns unsererseits zur Anwendung von Terror. Wir hätten uns keine zwei Tage behaupten können, hätten wir diese Versuche von Offizieren und Weißgardisten nicht mit rücksichtslosen Maßnahmen beantwortet, das heißt mit der Anwendung von Terror, der uns aber erst durch die Terrormethoden der Entente aufgezwungen wurde. Sobald wir aber einen entscheidenden Sieg errungen hatten, also schon vor Kriegsende unmittelbar nach der Einnahme Rostows, schafften wir die Todesstrafe ab und lieferten damit den Beweis, daß wir unser Programm in der versprochenen Form durchzuführen beabsichtigten. Wir erklärten, daß die Anwendung von Gewalt der Entschlossenheit entsprang, die Ausbeuter zu vernichten, die Großgrundbesitzer und Kapitalisten; als dies erreicht war, verzichteten wir auf alle außergewöhnlichen Methoden. Dafür haben wir den praktischen Beweis erbracht.<

Stalin wich von diesen klaren und unmißverständlichen Richtlinien Lenins ab. Stalin benutzte die Partei und das NKWD für die Ausübung des Massenterrors zu einer Zeit, als die Ausbeuterklassen in unserem Land bereits vernichtet und keine ernsthaften Gründe mehr für die Anwendung des außergewöhnlichen Massenterrors gegeben waren …

Ein Beispiel niederträchtiger Provokation, himmelschreiender Entstellung und verbrecherischer Verstöße gegen die revolutionäre Gesetzlichkeit ist der Fall des ehemaligen Politbüro-Kandidaten, des hervorragenden Funktionärs der Partei und der Sowjetregierung, Genosse Eiche, der seit 1905 der Partei angehörte. Genosse Eiche wurde am 29. April 1938 auf Grund verleumderischen Materials und ohne Genehmigung des Generalstaatsanwalts, die schließlich nach fünfzehnmonatiger Haft eintraf, verhaftet. Die Untersuchung des Falles Eiche wurde in einer Weise durchgeführt, die einen äußerst brutalen Verstoß gegen die sowjetische Gesetzlichkeit darstellte, wobei Willkür und Fälschungen stark ins Gewicht fielen. Eiche wurde durch Folterungen gezwungen, von vornherein ein Geständnisprotokoll zu unterzeichnen, das die Untersuchungsrichter ausgearbeitet hatten und in dem er antisowjetischer Tätigkeit beschuldigt wurde.

Am 1. Okober 1939 sandte Eiche seine Erklärung an Stalin, in der er kategorisch jede Schuld bestritt und eine Überprüfung seines Falles verlangte. In dieser Erklärung schrieb er: >Es gibt kein größeres Elend, als im Gefängnis des Staates zu sitzen, für den ich immer gekämpft habe.<

Es ist auch eine zweite Erklärung Eiches erhalten, die er am 27. Oktober 1939 an Stalin sandte; in dieser Erklärung führt er sehr überzeugende Tatsachen an und widerlegt die gegen ihn erhobenen verleumderischen Beschuldigungen; er führt an, diese provokatorische Beschuldigung sei einerseits das Werk echter Trotzkisten, deren Verhaftung er als 1. Parteisekretär der Region Westsibirien gebilligt hatte und die sich aus Rache gegen ihn verschworen; andererseits sei sie das Ergebnis der gemeinen Fälschung des Materials durch die Untersuchungsrichter.

Eiche schrieb in seiner Erklärung: >… Am 25. Oktober dieses Jahres teilte man mir mit, die Untersuchung meines Falles sei abgeschlossen, und man gewährte mir Einsicht in das Untersuchungsmaterial. Hätte ich auch nur den hundertsten Teil der mir zur Last gelegten Verbrechen begangen, so hätte ich nicht gewagt, Ihnen vor meiner Hinrichtung diese Erklärung zu übersenden; ich habe jedoch auch nicht eine einzige der mir zur Last gelegten Handlungen begangen, und mein Herz kennt auch nicht einen Schatten von Gemeinheit. Ich habe Ihnen nie in meinem Leben ein unaufrichtiges Wort gesagt, und in diesem Augenblick, da ich bereits mit beiden Füßen im Grabe stehe, lüge ich ebensowenig. Mein ganzer Fall ist ein typisches Beispiel für Provokation, Verleumdung und Verletzung der elementaren Grundlagen revolutionärer Gesetzlichkeit … Die Geständnisse, die man in meinen Akt aufgenommen hat, sind nicht nur absurd, sie enthalten auch gewisse Verleumdungen über das Zentralkomitee der KPdSU (B) und den Rat der Volkskommissare, da richtige Beschlüsse des ZK der KPdSU (B) und des Rats der Volkskommissare, die nicht auf meine Veranlassung und ohne meine Teilnahme gefaßt wurden, als feindliche Akte konterrevolutionärer Organisationen hingestellt werden, die auf meine Anregung entstanden … Ich komme jetzt zu dem schändlichsten Teil meines Lebens und meiner wirklich schweren Schuld gegenüber der Partei und Ihnen. Es ist dies mein Geständnis konterrevolutionärer Arbeit … Die Sache liegt folgendermaßen: Da ich die Folterungen durch Uschakow und Nikolajew – insbesondere den ersteren -, die wußten, daß meine gebrochenen Rippen noch nicht geheilt waren und mir große Schmerzen bereiteten, nicht ertragen konnte, habe ich unter Zwang mich selbst und andere beschuldigt.

Mein Geständnis ist zum größten Teil von Uschakow erfunden oder diktiert, der Rest besteht aus von mir selbst rekonstruiertem NKWD-Material aus Westsibirien, für das ich volle Verantwortung übernommen habe. Wenn ein Detail der von Uschakow fabrizierten und von mir unterzeichneten Geschichte nicht zusammenpaßte, wurde ich gezwungen, eine andere Fassung zu unterschreiben. So war es mit Ruchimowitsch, der mir zuerst als Mitglied des Reservenetzes benannt wurde, dessen Name aber später nicht mehr auftauchte, ohne daß mir dies mitgeteilt wurde. Ebenso verhielt es sich mit dem Leiter des angeblich von Bucharin im Jahre 1935 geschaffenen Reservenetzes. Zuerst setzte ich meinen Namen ein, dann sagte man mir, ich solle den von Meshlauk einsetzen. Solche Dinge kamen öfters vor.

… Ich ersuche und bitte Sie, meinen Fall nochmals zu überprüfen, nicht etwa, um mich zu retten, sondern um die niederträchtige Provokation zu enthüllen, die jetzt infolge meiner erbärmlichen und verbrecherischen Verleumdung zahlreiche Personen wie eine Schlange umstrickt. Niemals habe ich Sie oder die Partei verraten. Ich weiß, daß ich auf Grund der niederträchtigen und gemeinen Arbeit der Feinde der Partei und des Volkes, die diese Provokation gegen mich inszenierten, umkommen werde.<

Man sollte meinen, eine so wichtige Erklärung sei einer Untersuchung durch das Zentralkomitee wert gewesen. Dies geschah jedoch nicht, und die Erklärung wurde an Berija weitergeleitet, während die fürchterliche Mißhandlung des Politbürokandidaten, Genossen Eiche, weiterging. Am 2. Februar 1940 wurde Eiche vor Gericht gestellt. Hier gab er keinerlei Schuld zu und sagte folgendes: >In all meinen sogenannten Geständnissen habe ich mit Ausnahme meiner Unterschrift unter die von mir erpreßten Protokolle auch nicht einen einzigen Buchstaben geschrieben. Ich habe unter dem Druck des Untersuchungsrichters, der mich von Beginn meiner Verhaftung an folterte, Aussagen gemacht. Danach begann ich dann all diesen Unsinn zu schreiben … das Wichtigste für mich aber ist, dem Gericht, der Partei und Stalin zu sagen, daß ich nicht schuldig bin. Ich habe mich nie einer Verschwörung schuldig gemacht. Ich werde sterben in dem Glauben an die Richtigkeit der Politik der Partei, wie ich das mein Leben lang geglaubt habe. Am 4. Februar wurde Eiche erschossen. Heute ist einwandfrei erwiesen, daß der Fall Eiche fabriziert wurde; Eiche wurde posthum rehabilitiert …

Auf welche Art und Weise die ehemaligen Mitarbeiter des NKWD die verschiedenen fiktiven >anti-sowjetischen Gruppen< und >Blocks< mit Hilfe provokatorischer Methoden konstruierten, geht aus dem Geständnis des Genossen Rosenblum hervor, der der Partei seit 1906 angehörte und 1937 vom Leningrader NKWD verhaftet wurde.

Anläßlich der Untersuchung des Falles Komarow enthüllte Rosenblum folgende Tatsache: Als Rosenblum 1937 verhaftet wurde, unterzog man ihn furchtbaren Folterungen, in deren Verlauf man ihn zwang, falsche Aussagen über sich selbst und andere zu machen. Dann wurde er in das Büro Sakowskijs gebracht, der ihm die Freiheit anbot, unter der Bedingung, daß er vor Gericht ein wahrheitswidriges Geständnis über >Sabotage, Spionage und Diversionsarbeit im Rahmen einer Terroristengruppe in Leningrad< ablegte, das das NKWD im Jahre 1937 fabriziert hatte. Mit unglaublichem Zynismus schilderte ihm Sakowskij den üblen >Apparat<, der mit der heimtückischen Erfindung >antisowjetischer Komplotte< beauftragt war.

>Zur Illustration<, erklärte Rosenblum, >zählte mir Sakowskij verschiedene mögliche Varianten des Organisationsschemas dieser Gruppe und ihrer Unterabteilungen auf. Nachdem er mich über die Organisation im einzelnen aufgeklärt hatte, sagte mir Sakowskij, das NKWD würde den Fall in die Hand nehmen, und fügte hinzu, das Gerichtsverfahren werde öffentlich sein. Gegen vier oder fünf Mitglieder dieser Organisation sollte Anklage erhoben werden, nämlich Tschudow, Ugarow, Smorodin, Posern, Frau Schaposchnikowa (Tschudows Frau) sowie gegen weitere Personen und außerdem gegen zwei oder drei Mitglieder der Unterabteilungen dieser Gruppe.

… >Der Fall der Leningrader muß fest untermauert sein, und aus diesem Grunde werden Zeugen benötigt. Die soziale Herkunft des Zeugen (die ursprüngliche natürlich) und seine Stellung in der Partei werden dabei keine geringe Rolle spielen. Sie persönlich<, erklärte Sakowskij, >brauchen gar nichts zu erfinden. Das NKWD wird für Sie genaue Unterlagen über alle Unterabteilungen der Gruppe zusammenstellen; Sie brauchen diese nur sorgfältig zu studieren und müssen sich sämtliche Fragen und Antworten einprägen, die das Gericht an Sie stellen kann. In vier bis fünf Monaten oder vielleicht in einem halben Jahr wird dieser Fall zur Verhandlung kommen. Während dieser ganzen Zeit müssen Sie sich entsprechend vorbereiten, damit Sie weder die Untersuchungen gefährden noch sich selbst bloßstellen. Vom Verlauf der Gerichtsverhandlungen und ihrem Ergebnis hängt Ihre eigene Zukunft ab. Wenn Sie auf Lügen oder falschen Aussagen ertappt werden, haben Sie sich die Folgen selbst zuzuschreiben. Wenn es Ihnen gelingt, durchzuhalten, retten Sie Ihren eigenen Kopf, und wir werden für Sie bis an ihr Lebensende auf Regierungskosten sorgen.< Auf diese niederträchtige Weise wurden die Dinge damals gehandhabt.

Viele Tausende ehrlicher und unschuldiger Kommunisten kamen infolge dieser ungeheuerlichen Rechtsbeugungen ums Leben, weil jedes noch so verleumderische >Geständnis< akzeptiert wurde und weil man Selbstbeschuldigungen und Beschuldigungen anderer Personen durch Gewaltanwendung erpreßte. In gleicher Weise wurden die >Fälle< gegen hervorragende Partei- und Staatsfunktionäre wie Kosior, Tschubar, Postyschew, Kosarjew und andere fabriziert.

In diesen Jahren wurden Unterdrückungsmaßnahmen in größtem Maßstab durchgeführt, denen nichts Greifbares zugrunde lag und die schwere Verluste an Parteikadern zur Folge hatten.

Dem NKWD wurde die niederträchtige Praxis gestattet, Listen von Personen zusammenzustellen, für deren Fälle das Oberste Militärgericht zuständig war und bei denen die Urteile im voraus feststanden. Jeshow pflegte diese Listen zur Bestätigung der vorgeschlagenen Strafen an Stalin persönlich zu senden. In den Jahren 1937 bis 1938 wurden 383 solcher Listen mit den Namen vieler Tausender von Partei-, Sowjet-, Komsomol-, Armee- und Wirtschaftsfunktionären Stalin zugesandt. Und diese Listen wurden von ihm gebilligt.

Ein großer Teil dieser Urteile wird gegenwärtig überprüft und ein großer Teil von ihnen aufgehoben, weil sie unbegründet sind und auf Fälschungen beruhen. Ich brauche hier nur zu erwähnen, daß seit 1954 der Militärsenat des Obersten Gerichts 7679 Personen rehabilitiert hat, die zum großen Teil erst nach ihrem Tode rehabilitiert werden konnten…

Wir klagen Jeshow mit Recht für die gemeinen Handlungen des Jahres 1937 an. Wir müssen jedoch folgende Fragen beantworten: Konnte Jeshow zum Beispiel ohne Wissen Stalins Kosior verhaften lassen? Gab es einen Meinungsaustausch oder einen Politbürobeschluß in dieser Angelegenheit? Nein, es gab sie nicht, genau so wenig wie in allen anderen Fällen dieser Art. Konnte Jeshow eine Entscheidung in einer so wichtigen Angelegenheit fällen, in der es um das Schicksal so prominenter Parteiführer ging? Nein, es wäre naiv, dies als das alleinige Werk Jeshows zu betrachten. Es ist klar, daß solche Dinge allein von Stalin entschieden wurden und daß ohne seine Befehle und ohne seine Billigung Jeshow niemals hätte so handeln können …

Er war selbst der Generalstaatsanwalt in diesen Fällen. Stalin genehmigte nicht nur Haftbefehle, sondern er stellte sie auch selbst aus. Wir müssen den Delegierten des Kongresses dies sagen, damit sie sich damit auseinandersetzen und ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen können.

Die Tatsachen zeigen, daß Mißbräuche auf Stalins Befehl und unter Mißachtung der Parteinormen und der sowjetischen Gesetzlichkeit erfolgten. Stalin war ein sehr argwöhnischer, krankhaft mißtrauischer Mensch; wir wußten das aus unserer gemeinsamen Arbeit. Er konnte einen Menschen ansehen und fragen. >Warum flackern Deine Augen heute so?< oder >Warum wendest Du Dich heute immer ab und vermeidest es, mir in die Augen zu sehen?< Der krankhafte Argwohn erzeugte in ihm ein allgemeines Mißtrauen selbst gegenüber hervorragenden Parteifunktionären, die er seit Jahren kannte. Überall und in allem

sah er >Feinde<, >Doppelzüngler< und >Spione<. Da er eine unbegrenzte Macht besaß, war er im höchsten Maße selbstherrlich und drückte jedermann physisch und moralisch an die Wand. So entstand eine Situation, in der man seinen eigenen Willen nicht mehr zum Ausdruck bringen konnte.

Wenn Stalin befahl, daß dieser oder jener zu verhaften sei, dann mußte man es eben in gutem Glauben hinnehmen, daß der Betreffende wirklich ein >Volksfeind< war. Inzwischen überschlug sich dann die Berija-Bande, die die Staatssicherheitsorgane beherrschte, die Schuld des Verhafteten und die Echtheit der von ihr gefälschten Unterlagen zu beweisen. Und welche Beweise legte man vor? Die >Geständnisse< der Verhafteten – und die Untersuchungsrichter akzeptierten sie! Und wie ist es möglich, daß ein Mensch Verbrechen zugibt, die er gar nicht begangen hat? Nur auf eine Weise, nämlich auf Grund der Anwendung physischer Gewalt zur Geständniserpressung – indem man ihn bis zur Bewußtlosigkeit foltert und ihn seiner Urteilsfähigkeit und seiner menschlichen Würde beraubt. Auf diese Weise kamen die >Geständnisse< zustande. Als die Welle der Massenverhaftungen im Jahre 1939 zurückging und die örtlichen Parteiführer begannen, das NKWD und seine Zwangsmethoden gegenüber den Verhafteten anzuprangern, schickte Stalin am 20. Januar 1939 ein chiffriertes Telegramm an die Parteisekretäre der Gebiete und Regionen, an die Zentralkomitees der Republiken, an die NKWD-Kommissare der Republiken und an die Leiter der NKWD-Sonderorganisationen. Das Telegramm hatte folgenden Wortlaut: >Das ZK der KPdSU (B) stellt klar, daß die Anwendung physischen Drucks seit 1937 auf Grund einer Genehmigung des ZK der KPdSU (B) zulässig ist … Es ist bekannt, daß alle bourgeoisen Geheimdienste Methoden der physischen Beeinflussung gegenüber Vertretern des sozialistischen Proletariats anwenden, und zwar in der schlimmsten Art. Es erhebt sich daher die Frage, warum der sozialistische Geheimdienst gegenüber den tollwütigen Agenten der Bourgeoisie, den Todfeinden der Arbeiterklasse und der Kolchosbauern humaner sein soll. Das ZK der KPdSU (B) ist der Ansicht, daß physischer Druck in jenen Ausnahmefällen, bei denen es sich um bekannte und unbelehrbare Volksfeinde handelt, als durchaus gerechtfertigte und angemessene Methode obligatorisch anzuwenden ist.< Damit hat Stalin im Namen des ZK der KPdSU (B) die brutalste Vergewaltigung der sozialistischen Gesetzlichkeit, nämlich Folterungen und Unterdrückungen, sanktioniert, die – wie wir sahen – zur Verleumdung und Selbstanklage unschuldiger Menschen geführt haben.

Vor nicht langer Zeit – nur einige Tage vor dem gegenwärtigen Parteikongreß – zitierten wir und befragten den Untersuchungsrichter Rodos, der seinerzeit die Untersuchung gegen Kosior, Tschubar und Kosarjew führte und diese verhörte, zur Einvernahme vor das ZK-Präsidium. Er ist ein gemeines Subjekt, mit einem Vogelhirn, und moralisch durch und durch verkommen. Und dieser Mann war es, der über das Schicksal prominenter Mitarbeiter der Partei entschied …

Es erhebt sich die Frage, ob ein Mann mit einem so beschaffenen Intellekt allein aus sich heraus die Untersuchung so führen konnte, daß die Schuld von Männern wie Kosior und anderen hinreichend bewiesen war. Nein, er konnte das nicht ohne entsprechende Anweisungen. In der Sitzung des ZK-Präsidiums erklärte er uns: >Mir wurde gesagt, daß Kosior und Tschubar Volksfeinde seien und daß ich als Untersuchungsrichter sie also zu dem Geständnis zu bringen habe, daß sie Feinde seien.<

Er konnte dies nur mit lang andauernden Folterungen erreichen, für die er detaillierte Instruktionen von Berija erhielt. Wir müssen berichten, daß er in der Sitzung des ZK-Präsidiums zynisch erklärte: >Ich war der Meinung, daß ich die Befehle der Partei ausführte.< Auf diese Weise wurden Stalins Direktiven über die Anwendung physischen Drucks gegen die Verhafteten in der Praxis durchgeführt.

Diese und zahlreiche andere Tatsachen zeigen, daß alle Normen für die Herbeiführung im Sinne der Partei korrekter Lösungen der Probleme außer Kraft gesetzt waren und alles von der Willkür eines einzigen Mannes abhing.

Die in den Händen einer einzigen Person, nämlich Stalins, angehäufte Macht hatte ernste Folgen während des Großen Vaterländischen Krieges.

Wenn man viele unserer Romane, Filme und historischen >wissenschaftlichen Studien< betrachtet, dann hat man den Eindruck, daß Stalin während des Großen Vaterländischen Krieges eine höchst unwahrscheinliche Rolle spielte. Stalin hatte danach alles vorausgesehen. Die sowjetische Armee befolgte auf der Grundlage eines schon lange vorher von Stalin vorbereiteten strategischen Planes die Taktik der sogenannten >aktiven Verteidigung<, das heißt eine Taktik, die, wie wir wissen, die Deutschen an Moskau und Stalingrad herankommen ließ. In Anwendung dieser Taktik ging die sowjetische Armee später, angeblich wiederum nur dank der genialen Konzeption Stalins, zur Offensive über und überwältigte den Feind. Den heldenhaften Sieg, der von der bewaffneten Macht des Sowjetlandes, von unserem heroischen Volke errungen wurde, schreiben Romane, Filme und >wissenschaftliche Studien< dieser Art voll und ganz dem strategischen Genie Stalins zu.

Wir müssen diese Angelegenheit sorgfältig analysieren, weil sie eine ungeheure Bedeutung nicht nur vom historischen, sondern besonders auch vom politischen, erzieherischen und praktischen Gesichtspunkt aus besitzt. Wie verhält es sich nun mit den Tatsachen in dieser Angelegenheit

Vor dem Kriege waren unsere Presse und unsere gesamte politische Erziehungsarbeit charakterisiert durch ihren prahlerischen Ton: >Wenn ein Feind den heiligen Sowjetboden verletzt, dann werden wir jeden Schlag des Feindes mit drei Schlägen beantworten, wir werden den Kampf gegen den Feind in seinem eigenen Lande führen und ohne großen Schaden für uns selbst den Sieg davontragen.< Aber diese optimistischen Erklärungen stützten sich nicht überall auf konkrete Vorkehrungen, die geeignet gewesen wären, die Unverletzlichkeit unserer Grenzen wirklich zu garantieren.

Während des Krieges und danach brachte Stalin die These auf, die Tragödie, die unsere Nation während der ersten Kriegsphase erlebte, sei das Ergebnis des >Überraschungsangriffs< der Deutschen auf die Sowjet-Union gewesen. Aber, Genossen, das ist vollkommen unwahr. Sobald Hitler in Deutschland zur Macht kam, stellte er sich selbst die Aufgabe, den Kommunismus zu liquidieren. Die Faschisten sagten dies ganz offen; sie machten keinerlei Hehl aus ihren Plänen.

Um diesen aggressiven Endzweck zu erreichen, wurden Pakte und Blocks aller Art geschmiedet, wie die berühmte Achse Berlin-Rom-Tokio. Zahlreiche Tatsachen aus der Vorkriegsperiode zeigten klar, daß Hitler darauf ausging, einen Krieg gegen den Sowjetstaat anzufangen, und daß er starke bewaffnete Verbände einschließlich Panzereinheiten in der Nähe der sowjetischen Grenzen konzentriert hatte.

Aus Dokumenten, die jetzt veröffentlicht wurden, geht hervor, daß Churchill am 3. April 1941 Stalin durch den englischen Botschafter in der UdSSR, Cripps, persönlich warnen ließ, daß die Deutschen mit einer Umgruppierung ihrer Streitkräfte begonnen hätten in der Absicht, die Sowjetunion anzugreifen. Selbstverständlich hat Churchill dies nicht etwa aus Freundschaft für die sowjetische Nation getan. Er hatte dabei seine eigenen imperialistischen Ziele im Auge: Er wollte Deutschland und die Sowjetunion in einen blutigen Krieg verwickeln, um dadurch die Position des britischen Imperiums zu stärken. Genau derselbe Churchill bestätigte in seinen Schriften, daß er versucht hatte, >Stalin zu warnen und seine Aufmerksamkeit auf die Gefahr zu lenken, die ihn bedrohte<. Churchill betonte dies wiederholt in seinen Depeschen vom 18. April und den folgenden Tagen. Stalin nahm jedoch von diesen Warnungen keine Notiz. Und was noch schlimmer ist, Stalin befahl, daß Informationen dieser Art kein Glauben zu schenken sei, um nicht den Beginn militärischer Operationen herauszufordern.

Wir müssen festhalten, daß uns Informationen dieser Art, die sich auf eine drohende deutsche Invasion des sowjetischen Territoriums bezogen, auch über unsere eigenen militärischen und diplomatischen Quellen zugingen; aber wegen der Voreingenommenheit der Führung gegen solche Nachrichten war man ängstlich bei der Weiterleitung und zurückhaltend bei der Auswertung.

So hieß es zum Beispiel in einer Meldung des sowjetischen Militärattachés in Berlin, Hauptmann Woronzow, vom 4. Mai 1941: >Der Sowjetbürger Boser … berichtete dem stellvertretenden Marineattaché, nach einer Behauptung eines gewissen deutschen Offiziers aus Hitlers Hauptquartier bereite sich Deutschland darauf vor, am 14. Mai die Sowjetunion durch Finnland, die baltischen Staaten und Lettland hindurch anzugreifen. Zugleich sollen schwere Luftangriffe gegen Moskau und Leningrad geführt und Fallschirmtruppen in den Grenzstädten abgesetzt werden … <

In seinem Bericht vom 22. Mai 1941 meldete der stellvertretende Militärattaché in Berlin, Chlopow: >… Der Angriff der deutschen Armeen ist Berichten zufolge auf den 15. Juni festgesetzt, doch möglicherweise kann er auch bereits in den ersten Tagen des Juni beginnen … <

In einem Telegramm von unserer Botschaft in London vom 18. Juni 1941 heißt es: >Wie die Sache jetzt steht, ist Cripps zutiefst von der Unausweichlichkeit eines bewaffneten Konflikts zwischen Deutschland und der UdSSR überzeugt, der nicht später als Mitte Juni ausbrechen werde. Nach Cripps haben die Deutschen gegenwärtig 147 Divisionen (einschließlich Luftwaffen- und Nachschubeinheiten) entlang der sowjetischen Grenzen konzentriert … <

Trotz dieser überaus ernsten Warnungen wurden nicht die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um die Verteidigungsbereitschaft des Landes sicherzustellen und es vor Überraschungen zu bewahren …

Als die faschistischen Armeen dann tatsächlich in sowjetisches Gebiet einmarschiert waren und die militärischen Operationen begonnen hatten, gab Moskau Befehl, das deutsche Feuer nicht zu erwidern. Warum? Weil Stalin trotz allen Beweisen glaubte, der Krieg habe noch nicht begonnen, daß es sich nur um eine Provokation seitens einiger undisziplinierter Einheiten der deutschen Armee handelte und daß unsere Reaktion den Deutschen die Handhabe bieten könne, einen Krieg vom Zaune zu brechen.

Auch folgende Tatsache ist bekannt: Am Vorabend der Invasion des sowjetischen Staatsgebietes durch die Hitlerarmee kam ein deutscher Staatsbürger über die Grenze und teilte mit, die deutschen Armeen hätten Befehl erhalten, die Offensive gegen die Sowjetunion in der Frühe des 22. Juni um 3 Uhr zu beginnen. Stalin wurde sofort davon in Kenntnis gesetzt, aber er ignorierte selbst diese Warnung.

Wie Sie sehen, wurde alles ignoriert: die Warnungen verschiedener Truppenkommandeure, die Aussagen von Deserteuren der feindlichen Armee und sogar die offenen Feindseligkeiten des Gegners. Ist dies vielleicht ein Beispiel für die Wachsamkeit des Führers von Partei und Staat in diesem besonders bedeutsamen historischen Augenblick? Und was war das Ergebnis dieser sorglosen Haltung, dieser Außerachtlassung offenkundiger Tatsachen? Das Ergebnis war, daß der Feind bereits in den ersten Stunden und Tagen des Krieges große Teile unserer Luftstreitkräfte, Artillerie und andere Waffen in den Grenzgebieten zerstört hatte; er vernichtete eine große Zahl unserer militärischen Kader und desorganisierte unsere militärische Führung; infolgedessen konnten wir nicht verhindern, daß der Feind tief in unser Land eindrang.

Sehr ernste Konsequenzen, die sich besonders bei Kriegsausbruch bemerkbar machten, hatte die Liquidierung zahlreicher militärischer Führer und politischer Funktionäre, die in der Zeit von 1937 bis 1941 auf Grund von Stalins Mißtrauen und verleumderischen Beschuldigungen erfolgte. In diesen Jahren wurden bestimmte Teile des Militärapparats, und zwar buchstäblich vom Kompaniechef und Bataillonskommandeur aufwärts bis zu den höheren militärischen Führungsstäben, Repressalien unterworfen. In dieser Zeit wurde der Führungskader, der in Spanien und im Fernen Osten militärische Erfahrungen gesammelt hatte, fast vollständig liquidiert.

Die Politik, Repressalien in großem Maßstab gegen militärische Kader zu ergreifen, führte auch zur Untergrabung der militärischen Disziplin, da Offiziere aller Dienstgrade und sogar einfache Soldaten in den Partei- und Komsomolzellen jahrelang angehalten wurden, ihre Vorgesetzten als verkappte Feinde zu >entlarven<. Natürlich übte dies einen negativen Einfluß auf die militärische Disziplin in der ersten Phase des Krieges aus.

Wie Sie wissen, hatten wir vor dem Krieg hervorragende militärische Kader, die der Partei und dem Vaterland fraglos treu ergeben waren. Hier genügt der Hinweis, daß sich diejenigen von ihnen, die die schweren Folterungen in den Gefängnissen überlebten, von den ersten Kriegstagen an als wahre Patrioten erwiesen und heldenhaft für den Ruhm des Vaterlandes gekämpft haben. Ich denke dabei an Genossen wie Rokosowskij, der bekanntlich im Gefängnis saß, Gorbatow, Marezkow, der diesem Parteikongreß als Delegierter angehört, Podlas, der als hervorragender Truppenführer an der Front fiel, und viele, viele andere. Zahlreiche Kommandeure kamen jedoch in Lagern und Gefängnissen um, und die Armee sah sie nie wieder.

All dies führte zu den Verhältnissen, die bei Kriegsbeginn herrschten und die unser Vaterland aufs schwerste gefährdeten. Man darf auch nicht vergessen, daß Stalin nach den ersten schweren Niederlagen und Rückschlägen an der Front glaubte, daß dies das Ende sei. In einer seiner Reden sagte er damals: >Alles, was Lenin geschaffen hat, haben wir für immer verloren.<

Stalin leitete danach lange keine militärischen Operationen mehr und tat überhaupt nichts. Die aktive Führung übernahm er erst wieder, als ihn einige Mitglieder des Politbüros aufsuchten und ihm erklärten, es sei notwendig, gewisse Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Lage an der Front einzuleiten.

Die drohende Gefahr, der unser Vaterland in der ersten Kriegsphase ausgesetzt war, resultierte deshalb hauptsächlich aus den verfehlten Methoden, mit denen Stalin sowohl die Nation als auch die Partei leitete. Hier ist jedoch nicht nur vom Kriegsbeginn die Rede, der eine bedrohliche Desorganisation unserer Armee und bedeutende Verluste mit sich brachte. Auch nach dem eigentlichen Kriegsbeginn zeigte Stalin Anzeichen von Nervosität und Hysterie, die, da er sich laufend in die militärischen Operationen einmischte, unserer Armee ernstlichen Schaden zufügten.

Stalin hatte nicht das geringste Verständnis für die wirkliche Situation, die sich an der Front entwickelte. Dies war nur natürlich, denn er hat während des ganzen Vaterländischen Krieges niemals einen Frontabschnitt oder eine befreite Stadt besucht, wenn man von einer kurzen Fahrt auf der Moshaijsker Rollbahn bei ruhiger Frontlage absieht. Dieser Episode wurden später viele phantasievolle literarische Werke jeglicher Art sowie viele Gemälde gewidmet. Stalin mischte sich gleichzeitig in Operationen ein und erteilte Befehle, die die wirkliche Situation an den einzelnen Frontabschnitten außer acht ließen und die deshalb zwangsläufig zu schweren Verlusten führen mußten …

Die Taktik, auf deren Durchführung Stalin ohne die elementarsten Kenntnisse der Kriegsführung bestand, kostete uns viel Blut, bis wir den Gegner zum Stehen gebracht hatten und selbst zur Offensive übergehen konnten. Die Militärs wissen, daß Stalin Ende 1941, statt bereits damals großangelegte Umfassungsmanöver im Rücken des Feindes einzuleiten, pausenlose Frontalangriffe und die Einnahme von einer Ortschaft nach der anderen verlangte. Dafür mußten wir mit großen Verlusten bezahlen, bis unsere Generale, auf deren Schultern die ganze Last der Kriegsführung ruhte, die Umstellung auf eine beweglichere Kampfesweise erringen konnten, was dann sofort bedeutende und für uns günstige Veränderungen an der Front mit sich brachte.

Um so schädlicher war es, daß Stalin nach unserem großen Sieg über den Feind, der so viele Opfer kostete, zahlreiche Kommandeure, die so viel zum Sieg über den Feind beigetragen hatten, herabzusetzen begann, weil er jede Möglichkeit ausschließen wollte, daß die Leistungen an der Front einem anderen als nur ihm selbst angerechnet würden …

Auf der gleichen Linie liegen beispielsweise unsere historischen und militärischen Filme sowie einige literarische Werke: da kann es einem übel werden. Ihr eigentlicher Zweck ist es, Stalins Feldherrngenie zu verherrlichen. Erinnern wir uns an den Film >Der Fall von Berlin<. Hier ist es einzig und allein Stalin, der handelt; er gibt Befehle in einer Halle mit vielen leeren Stühlen, und nur ein einziger Mann nähert sich ihm, um ihm etwas mitzuteilen – das ist Poskrebyschew, sein ergebener Schildknappe.

Und wo bleibt die militärische Führung? Wo bleibt das Politbüro? Wo bleibt die Regierung? Was tun sie, und womit beschäftigen sie sich? Von ihnen hört und sieht man nichts in diesem Film. Stalin handelt für alle und jeden. Er rechnet mit keinem anderen, er fragt niemanden um Rat. So wird dem Volk alles in diesem falschen Licht gezeigt. Warum? Um Stalin mit der Gloriole des Ruhmes zu umgeben, ganz im Gegensatz zu den Tatsachen und im Widerspruch zur historischen Wahrheit.

Damit erhebt sich die Frage: Wo bleiben die Militärs, auf deren Schultern die ganze Last des Krieges ruhte? Sie sehen wir in dem Film nicht; wenn Stalin auf der Bildfläche erscheint, ist kein Raum mehr für sie.

Nicht Stalin, sondern die Partei als Ganzes, die sowjetische Regierung, unsere heldenmütige Armee, ihre begabten Führer und tapferen Soldaten, das ganze Sowjetvolk – sie sind es, die uns den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg sicherten…

Die Hauptrolle bei der siegreichen Beendigung des Krieges spielten unsere Kommunistische Partei, die Streitkräfte der Sowjetunion und die Millionen von unserer Partei geschulten Sowjetmenschen. Ihnen gebührt das Hauptverdienst.

Genossen, lassen Sie mich noch einige andere Dinge erörtern. Mit Recht wird die Sowjetunion als mustergültiger Vielvölkerstaat angesehen, weil wir in der Praxis die Gleichheit aller in unserem großen Vaterlande freundschaftlich zusammenlebenden Völker sichergestellt haben.

Um so ungeheuerlicher sind die Taten, die auf Veranlassung Stalins begangen wurden und schwere Verstöße gegen die fundamentalen leninistischen Grundsätze der Nationalitätenpolitik des Sowjetstaates darstellen. Wir meinen die Massendeportationen ganzer Völkerschaften mitsamt allen Kommunisten und Komsomolzen, ohne jede Ausnahme. Diese Deportationen waren durch keinerlei militärische Überlegungen diktiert.

So wurde bereits gegen Ende des Jahres 1943, als sich im Großen Vaterländischen Kriege durch die Durchbrüche unserer Armee an den Fronten das Blatt zugunsten der Sowjetunion wendete, ein Beschluß über die Deportation sämtlicher Karatschaijer aus ihrem angestammten Lande gefaßt und durchgeführt. Im gleichen Zeitraum, Ende Dezember 1943, ereilte die gesamte Bevölkerung der Autonomen Kalmückenrepublik dasselbe Schicksal. Im März 1944 wurden sämtliche Tschetschenen und Inguschen deportiert, und die Autonome Republik der Tschetschenen und Inguschen wurde aufgelöst. Im April 1944 wurden alle Balkaren aus dem Gebiet der Autonomen Republik der Kabardiner und Balkaren in entlegene Gebiete verschleppt und die autonome Republik selbst wurde in Autonome Kabardinische Republik umgetauft. Die Ukrainer entgingen diesem Schicksal lediglich deshalb, weil sie zu zahlreich sind und kein Raum vorhanden war, wohin man sie hätte deportieren können. Sonst hätte er auch sie deportiert.

Kein Marxist-Leninist und überhaupt kein vernünftiger Mensch kann verstehen, wie es möglich ist, ganze Völker, samt Frauen und Kindern, alten Leuten, Kommunisten und Komsomolzen, für feindliche Handlungen verantwortlich zu machen, Massenrepressalien gegen sie anzuwenden und wegen der Schädlingsarbeit einzelner und kleinerer Gruppen der Not und dem Elend auszusetzen.

Nach Beendigung des Vaterländischen Krieges sonnte sich das Sowjetvolk im Stolz auf die durch große Opfer und gewaltige Anstrengungen errungenen herrlichen Siege. Das Land erlebte eine Zeit allgemeiner politischer Begeisterung. Die Partei ging aus dem Kriege einiger denn je hervor; ihre Kader waren durch das Feuer des Krieges gestählt und gefestigt. Unter diesen Umständen hätte niemand an die Möglichkeit einer Verschwörung innerhalb der Partei auch nur gedacht.

Und in eben jenem Zeitpunkt wurde die sogenannte >Leningrader Affäre< ausgeheckt. Wie wir jetzt festgestellt haben, ist dieser Fall nichts anderes als eine Erfindung. Zu denen, die unschuldig ihr Leben lassen mußten, gehören die Genossen Wosnesenkij, Kusnezow, Rodionow, Popkow und andere.

Bekanntlich waren Wosnesenskij und Kusnezow hervorragende und begabte Führer. Sie standen einst Stalin sehr nahe. Es genügt, daran zu erinnern, daß Stalin Wosnesenskij zum ersten Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates machte und daß Kusnezow zum ZK-Sekreär gewählt wurde. Allein die Tatsache, daß Stalin Kusnezow mit der Überwachung der Staatssicherheitsorgane betraute, beweist, welches Vertrauen dieser genoß …

Die Willkür Stalins zeigte sich nicht nur in seinen Entscheidungen zu innenpolitischen Fragen, sondern auch in den Beziehungen der Sowjet-Union zum Ausland. Das Juli-Plenum des ZK untersuchte die Gründe für die Entstehung des Konfliktes mit Jugoslawien in allen Einzelheiten. Stalin hat dabei eine schändliche Rolle gespielt. An der >Jugoslawienaffäre< war nichts, was sich nicht durch Parteidiskussionen unter Genossen hätte regeln lassen. Es lag kein ernsthafter Grund vor, um daraus eine >Affäre< zu machen; es wäre durchaus möglich gewesen, den Abbruch der Beziehungen mit diesem Land zu verhindern. Das bedeutet jedoch nicht, daß die führenden Männer Jugoslawiens keine Fehler begangen hätten oder frei von Unzulänglichkeiten waren. Diese Fehler und Unzulänglichkeiten wurden von Stalin aber in monströser Art und Weise aufgebauscht, so daß es darüber zum Abbruch der Beziehungen zu diesem befreundeten Staat kam.

Ich erinnere an die ersten Tage des Konfliktes zwischen der Sowjet-Union und Jugoslawien, als man diese Angelegenheit künstlich aufzubauschen begann. Gerade aus Kiew nach Moskau gekommen, wurde ich damals zu Stalin bestellt, der mir die Kopie eines soeben an Tito abgeschickten Briefes zeigte und fragte: >Hast du dies gelesen?< Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: >Ich brauche nur meinen kleinen Finger zu rühren – und schon wird es keinen Tito mehr geben. Er wird fallen.<

Wir haben einen hohen Preis für dieses >Rühren des kleinen Fingers< bezahlt. Dieser Ausspruch ist bezeichnend für Stalins Größenwahn; und so handelte er auch: >Ich werde meinen kleinen Finger rühren und es wird keinen Kosior mehr geben ich werde meinen kleinen Finger noch einmal rühren – und es wird keinen Postyschew und keinen Tschubar mehr geben<; >ich werde meinen kleinen Finger abermals rühren. – und Wosnesenskij, Kusnezow und viele andere wird es auch nicht mehr geben<.

Tito verschwand aber nicht, so viel oder so wenig Stalin seinen kleinen Finger und was sonst noch rühren. mochte – er brachte Tito nicht zu Fall. Warum wohl? Der Grund ist der, daß Tito bei diesem Streitfall mit den jugoslawischen Genossen einen Staat und ein Volk hinter sich hatte, die durch eine harte Schule des Kampfes für die Freiheit und Unabhängigkeit gegangen waren, ein Volk, das seine führenden Männer unterstützte …

Genossen, der Persönlichkeitskult nahm vor allem deshalb so ungeheuerliche Formen an, weil Stalin selbst mit allen denkbaren Methoden die Glorifizierung seiner Person unterstützte. Dies wird durch zahlreiche Tatsachen erhärtet. Eines der bezeichnendsten Beispiele für Stalins Selbstverherrlichung und für seinen Mangel an elementarster Bescheidenheit ist die Herausgabe seiner >Kurzen Biographie<, die 1948 erschien.

Dieses Buch ist Ausdruck der hemmungslosesten Schmeichelei, ein Beispiel dafür, wie man einen Menschen zum Götzen macht, wie man ihn in einen unfehlbaren Weisen verwandelt – in den >größten Führer< in den >hervorragendsten Strategen aller Zeiten und Völker< Schließlich konnte man überhaupt keine anderen Worte mehr finden, um Stalin in den Himmel zu heben.

Wir brauchen hier keine Beispiele für die widerwärtige Beweihräucherung zu geben, die dieses Buch füllt. Wir brauchen nur zu sagen, daß Stalin persönlich alles billigte und selbst redigierte und manches sogar eigenhändig in das Manuskript einfügte.

Was hielt Stalin für so wesentlich, daß er es selbst in dieses Buch schrieb? Wollte er den Eifer seiner Schmeichler ein wenig abkühlen, die seine >Kurze Biographie< zusammenstellten? Nein, er strich ausgerechnet jene Stellen an, wo seine Verdienste seiner Ansicht nach nicht genügend gerühmt wurden.

Hier sind einige charakeristische Beispiele für Stalins Verbesserungen, die er mit eigener Hand eingefügt hat:

>In diesem Kampf gegen die Skeptiker und Kapitulanten, die Trotzkisten, Sinowjewisten, Bucharinisten und Kamenewisten wurde nach dem Tode Lenins der Führerkader der Partei endgültig zusammengeschweißt … der das große Banner Lenins hochhielt, die Partei um Lenins Wort scharte und das Sowjetvolk auf die breite Bahn der Industrialisierung des Landes und der Kollektivisierung der Landwirtschaft führte. Führer dieses Kaders und leitende Kraft der Partei und des Staates war Genosse Stalin.<

So schreibt Stalin selbst. Und dann fügt er hinzu: >Obgleich er seine Aufgabe als Führer der Partei und des Volkes mit vollendeter Kunst meisterte und die uneingeschränkte Unterstützung des ganzen Sowjetvolkes genoß, ließ Stalin es niemals zu, daß seine Arbeit auch nur durch den leisesten Schatten von Eitelkeit, Hochmut oder Eigenlob beeinträchtigt wurde.<

Wo und wann konnte ein führender Politiker sich selbst so loben? Ist das eines Führers marxistisch-leninistischen Typs würdig? Nein. Gerade dagegen haben sich Marx und Engels so entschieden verwahrt. Und auch Wladimir Iljitsch Lenin hat dies immer aufs schärfste verurteilt.

In dem Manuskript seines Buches taucht folgender Satz auf: >Stalin ist der Lenin unserer Tage.< Dieser Satz erschien Stalin zu schwach. So änderte er ihn eigenhändig um, so daß er nunmehr lautet: >Stalin ist der würdige Fortsetzer von Lenins Werk oder, wie es in unserer Partei heißt, Stalin ist der Lenin unserer Tage.< Da sehen Sie nun selbst, nicht das Volk sagte es, sondern Stalin. Man könnte viele derartige selbstverherrlichende Urteile von Stalins eigener Hand in diesem Manuskript finden. Mit besonders großzügigem Lob bedenkt er sein Feldherrngenie und seine strategische Begabung. Ich möchte noch eine Einfügung Stalins zitieren, die sich auf das militärische Genie Stalins bezieht.

>Die fortschrittliche sowjetische Militärwissenschaft wurde<, so schreibt er, >in den Händen des Genossen Stalin weiterentwickelt. Genosse Stalin entwickelte die Theorie der permanent wirkenden Faktoren, die über den Ausgang der Kriege entschieden; der aktiven Verteidigung und der Gesetze von Gegenangriff und Angriff; des Zusammenwirkens sämtlicher Waffengattungen und Waffen in der modernen Kriegführung; der Rolle der großen Panzermassen und der Luftwaffe im modernen Krieg sowie der Artillerie als der wirkungsvollsten Waffengattung. In den verschiedenen Phasen des Krieges fand Stalins Genius die richtige Lösung, bei der alle Umstände der jeweiligen Lage in die Berechnungen einbezogen wurden.< (Bewegung im Saal.) Und weiter schreibt Stalin: >Stalins militärische Meisterschaft zeigte sich sowohl in der Defensive als auch in der Offensive. Genosse Stalins Genie ermöglichte es ihm, die Pläne des Gegners vorauszusehen und zu durchkreuzen. Die Schlachten, in denen Genosse Stalin die sowjetischen Armeen führte, sind glänzende Beispiele operativer Führungskunst< …

Dies, Genossen, sind die Tatsachen. Wir sollten eher sagen: die beschämenden Tatsachen.

Und noch eine weitere Tatsache aus derselben >Kurzen Biographie< Stalins: Bekanntlich wurde der >Kurze Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B)< von einer Kommission des Zentralkomitees der Partei verfaßt. Nebenbei gesagt, ist auch dieses von einer besonders ausgewählten Autorengruppe verfaßte Buch vom Persönlichkeitskult durchsetzt. Diese Tatsache spiegelt sich in den folgenden Formulierungen im Korrekturexemplar der >Kurzen Biographie< Stalins: >Eine Kommission des ZK der KPdSU (B) hat unter der Leitung des Genossen Stalin und mit seiner tatkräftigen persönlichen Beteiligung einen Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B)’ verfaßt.<

Aber selbst diese Formulierung befriedigte Stalin nicht. An ihre Stelle trat in der endgültigen Fassung der >Kurzen Biographie< der folgende Satz: >Im Jahr 1938 erschien das Buch, ‘Geschichte der KPdSU (B), Kurzer Lehrgang’, verfaßt vom Genossen Stalin und gebilligt von einer Kommission des ZK der KPdSU (B).< Braucht man dem noch etwas hinzuzufügen? (Heiterkeit im Saal.) Oder greifen wir einmal die Stalin-Preise auf. (Bewegung im Saal.) Nicht einmal die Zaren stifteten Preise, denen sie ihren eigenen Namen gaben. Stalin wählte als besten Text für die sowjetische Nationalhymne ein Elaborat aus, das kein einziges Wort über die Kommunistische Partei enthält; dafür aber die folgende, beispiellose Lobpreisung Stalins: Stalin erzog uns in Treue zum Volk – er beflügelte uns zu großen Werken und Taten.

In diesen Zeilen der Hymne wird die ganze erzieherische, leitende und anspornende Funktion der großen leninistischen Partei Stalin zugeschrieben. Und das ist natürlich eine klare Abweichung vom Marxismus-Leninismus und eine klare Herabsetzung und Bagatellisierung der Rolle der Partei. Wir möchten zu Ihrer Unterrichtung hinzufügen, daß das Präsidium des Zentralkomitees bereits einen Beschluß über die Abfassung eines neuen Textes der Hymne gefaßt hat, der die Rolle des Volkes und die Rolle der Partei richtig wiedergibt.

Und ist es ohne Stalins Wissen geschehen, daß viele der größten Betriebe und Städte nach ihm benannt wurden? Und ist es ohne Stalins Wissen geschehen, daß überall im Lande Stalin-Denkmäler errichtet wurden – diese >Gedenksteine des Lebenden<? Es ist eine Tatsache, daß Stalin selbst am 2. Juli 1951 einen Beschluß des Ministerrats der UdSSR unterzeichnete, der die Errichtung eines eindrucksvollen Stalin-Denkmals am Wolga-Don-Kanal betraf. Am 4. September des gleichen Jahres ordnete er selbst die Bereitstellung von 33 Tonnen Kupfer für die Errichtung dieses imposanten Monuments an. Ein jeder, der Stalingrad besucht hat, muß die riesige Statue gesehen haben, die dort gebaut wird, und zwar an einer Stelle, die kaum besucht wird.

Zu einer Zeit, da die Bewohner dieser Gegend seit Kriegsende noch immer in Hütten lebten, wurden Unsummen für den Bau dieses Denkmals ausgegeben. Überlegen Sie selbst, ob Stalin recht hatte, wenn er in seiner Biographie schrieb, er habe niemals zugelassen, >… daß seine Arbeit auch nur durch den leisesten Schatten von Eitelkeit, Hochmut oder Eigenlob beeinträchtigt wurde<. Gleichzeitig lieferte Stalin Beweise für seinen Mangel an Respekt für Lenins Gedächtnis. Es ist kein Zufall, daß, ungeachtet des vor dreißig Jahren gefaßten Beschlusses, einen >Palast der Sowjets< als Denkmal für Wladimir Iljitsch zu bauen, dieser Palast niemals errichtet, seine Ausführung stets hinausgezögert und das Projekt schließlich gänzlich aufgegeben wurde.

Wir wollen auch nicht den Beschluß der Sowjetregierung vom 14. August 1925 vergessen, in dem die >Stiftung eines Lenin-Preises für erzieherische Arbeit< gefordert wurde. Dieser Beschluß wurde sogar in der Presse veröffentlicht; aber bis heute gibt es noch keinen Lenin-Preis. Auch das sollte geändert werden.

Zu Stalins Lebzeiten wurden mit den von mir erwähnten Methoden und durch Zitate aus Stalins >Kurzer Biographie< sämtliche Ereignisse so wiedergegeben, als habe Lenin selbst während der Sozialistischen Oktoberrevolution stets nur eine sekundäre Rolle gespielt. In vielen Filmen und in vielen literarischen Werken wurde die Gestalt Lenins unrichtig dargestellt und in unzulässiger Weise herabgesetzt.

Mit Vorliebe sah sich Stalin den Film >Das unvergeßliche Jahr 1919< an, in welchem er auf den Stufen eines Panzerzuges gezeigt wird und den Feind praktisch mit blankem Säbel niederschlägt. Möge nur unser guter Freund Kliment Jefremowitsch Woroschilow den nötigen Mut aufbringen und die Wahrheit über Stalin schreiben; denn wer weiß schon, wie Stalin gekämpft hat. Es wird eine schwierige Sache für den Genossen Woroschilow sein, aber es wäre ganz gut, wenn er es täte. Jedermann wird ihm dankbar sein, das Volk und die Partei. Selbst seine Enkel würden ihm dafür noch dankbar sein. Bei der Behandlung der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges wurde stets der Eindruck erweckt, Stalin habe immer die Hauptrolle gespielt und bei jeder Gelegenheit Lenin instruiert, was und wie es zu tun sei. Dieses ist jedoch eine Verleumdung Lenins. Ich komme wahrscheinlich nicht mit der Wahrheit in Konflikt, wenn ich sage, daß 99 Prozent der hier Anwesenden vor 1924 wenig von Stalin gehört oder gewußt haben, während Lenin dagegen allen bekannt war. Er war der gesamten Partei, der gesamten Nation, den Kindern wie den Greisen bekannt.

All dieses muß gründlich revidiert werden, damit die Geschichte, die Literatur und die bildende Kunst die Rolle Lenins, die großen Leistungen unserer Kommunistischen Partei und des sowjetischen Volkes, des schöpferischen Volkes, im richtigen Lichte würdigen …

Stalins Lebensfremdheit und die Tatsache, daß er über die wahren Zustände in der Provinz nicht Bescheid wußte, ergibt sich aus seiner Landwirtschaftspolitik. Jeder, der sich auch nur im geringsten um unsere Situation kümmerte, sah die Schwierigkeiten in der Landwirtschaft – Stalin aber sah sie nie. Haben wir Stalin informiert? Ja, das haben wir getan, aber er unterstützte uns nie. Warum? Weil Stalin niemals reiste, nie Arbeiter in den Städten oder auf den Kolchosen besuchte; er war nie über die wahre Lage im Lande informiert.

Er kannte das Land und die Landwirtschaft nur aus Filmen. Und diese Filme waren frisiert und gaben ein rosiges Bild der Lage der Landwirtschaft. In diesen Filmen über das Kolchosenleben bogen sich die Tische vielfach unter der Last der Truthähne und Gänse. Offensichtlich glaubte Stalin, daß dies die Wirklichkeit sei. Wladimir Iljitsch Lenin dagegen betrachtete das Leben anders; er war dem Volk immer nahe, er empfing Bauerndelegationen und sprach oft auf Betriebsversammlungen, er pflegte auch in die Dörfer zu gehen und mit den Leuten zu reden.

Stalin schloß sich vom Volk ab und ging nie irgendwo hin. Das war so jahrzehntelang. Zum letztenmal besuchte er im Januar 1928 eine Stadt, als er wegen der Getreideerfassung eine Sibirienreise unternahm. Woher konnte er also wissen, wie es im Lande aussah?

Als er einmal in einer Diskussion darauf aufmerksam gemacht wurde, daß die Lage auf dem Lande schwierig und daß es besonders schlecht um die Viehzucht und Fleischproduktion bestellt sei, wurde eine Kommission gebildet und mit der Abfassung eines Beschlusses über >Wege zur Weiterentwicklung der Viehzucht auf den Kolchosen und Sowchosen< beauftragt. Wir machten einen entsprechenden Entwurf. Natürlich berücksichtigten unsere damaligen Vorschläge noch nicht alle Möglichkeiten, aber wir zeigten Mittel und Wege, um die Viehzucht auf den Kolchosen und Sowchosen zu verbessern. Wir haben damals vorgeschlagen, die Preise für Agrarprodukte zu erhöhen, um den Kolchos-, Sowchos- und MTS-Arbeitern einen materiellen Anreiz für die Entwicklung der Viehzucht zu geben. Aber unser Entwurf wurde abgelehnt, und im Februar 1953 wurde er endgültig zu den Akten gelegt.

Aber schlimmer noch: Als wir an diesem Projekt arbeiteten, schlug Stalin vor, die Steuern der Kolchosen und Kolchosbauern um 40 Milliarden Rubel zu erhöhen, denn er war der Ansicht, es gehe der Landbevölkerung sehr gut und ein Kolchosbauer brauche nur ein Huhn mehr zu verkaufen, um seine Steuer bezahlen zu können.

Stellen Sie sich vor, was das heißt. 40 Milliarden Rubel sind eine Summe, die die Kolchosbauern für den Teil ihrer Produktion, den die Regierung erhielt, nicht bekamen. Im Jahre 1952 zum Beispiel haben die Kolchose und die Kolchosbauern für sämtliche an die Regierung gelieferten und verkauften Erzeugnisse nur 26,28 Milliarden Rubel erhalten. Stützte sich Stalin damals überhaupt auf irgendwelche statistischen Unterlagen? Natürlich nicht. In solchen Fällen interessierten ihn Tatsachen und Zahlen nicht. Wenn Stalin etwas sagte, dann war es eben so – schließlich war er ein >Genie<, und ein Genie braucht nicht zu rechnen, es braucht nur hinzusehen und kann sofort sagen, wie es gemacht werden muß. Wenn es seine Meinung kundtat, muß jeder sie wiederholen und diese Weisheit bewundern.

Aber welche Weisheit steckte in dem Vorschlag, die Steuer für die Landwirtschaft um 40 Milliarden Rubel zu erhöhen? Keine, absolut keine, weil der Vorschlag nicht auf einer sachlichen Beurteilung der Situation beruhte, sondern auf den phantastischen Ideen, die zwischen Oksa Erson und der Wirklichkeit standen. Wir fangen jetzt langsam an, uns aus den Schwierigkeiten unserer Landwirtschaft herauszuarbeiten. Was einige der Delegierten auf dem XX. Parteikongreß gesagt haben, bereitet uns allen Freude; wir freuen uns darüber, daß viele Delegierte Reden halten, und darüber, daß in der Viehzucht gute Voraussetzungen zur Erfüllung des 6. Fünfjahresplans – nicht in fünf, sondern in zwei bis drei Jahren – gegeben sind. Wir sind sicher, daß die Aufgaben des neuen Fünfjahresplans erfolgreich erfüllt werden.

Genossen! Wenn wir heute den Persönlichkeitskult, der zu Stalins Lebzeiten so verbreitet war, scharf kritisieren, und wenn wir über die vielen negativen Erscheinungen sprechen, die durch diesen Kult, der dem Geist des Marxismus-Leninismus so fremd ist, hervorgerufen wurden, mag mancher fragen: Wie konnte das geschehen? Stalin stand 30 Jahre lang an der Spitze der Partei und des Landes, und viele Siege wurden zu seinen Lebzeiten errungen. Können wir dies abstreiten? Meiner Meinung nach können so nur Leute fragen, die durch den Persönlichkeitskult hoffnungslos verblendet und hypnotisiert sind, die das Wesen der Revolution und des Sowjetstaates nicht begreifen und die Rolle der Partei und der Nation bei der Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft nicht im Sinne Lenins erfassen …

Wenn wir diese Angelegenheit als Marxisten-Leninisten betrachten, müssen wir eindeutig feststellen, daß die Führungspraxis, die sich in den letzten Lebensjahren Stalins herausgebildet hat, zu einem ernsthaften Hindernis auf dem Wege der sowjetischen Gesellschaftsentwicklung geworden ist.

Stalin ließ oft außerordentlich wichtige Fragen des Partei- und Staatslebens monatelang in der Schwebe, obwohl ihre Lösung eigentlich nicht aufgeschoben werden durfte. Während Stalins Herrschaft wurden unsere friedlichen Beziehungen zu anderen Nationen oftmals bedroht, weil sich aus den Ein-Mann-Entscheidungen große Komplikationen ergeben konnten – wie dies auch oft der Fall war.

Als es uns in den letzten Jahren gelang, uns von der nachteiligen Praxis des Persönlichkeitskultes zu befreien, und als wir einige richtige Schritte auf innen- und außenpolitischem Gebiet unternahmen, konnte jedermann mit eigenen Augen sehen, wie die Aktivität, die schöpferische Aktivität der werktätigen Massen sich entfaltete, ja wie günstig sich all dies auf die wirtschaftliche und kulturelle Gesamtentwicklung auswirkte. Manche Genossen mögen uns fragen: Wo waren die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees? Warum setzten sie sich nicht rechtzeitig gegen den Persönlichkeitskult zur Wehr? Und warum tut man es erst jetzt?

Zunächst müssen wir bedenken, daß die Mitglieder des Politbüros diese Dinge zu verschiedenen Zeiten verschieden beurteilten. Anfangs unterstützten viele von ihnen Stalin tatkräftig, weil er einer der stärksten Marxisten war und mit seiner Logik, seiner Festigkeit und seinem Willen die Kader- und Parteiarbeit erheblich beeinflußte.

Es ist bekannt, daß Stalin nach Lenins Tod und insbesondere in den ersten Jahren danach aktiv für den Leninismus eintrat und ihn gegen die Feinde der leninistischen Lehre und gegen Abweichler verteidigte. Von Lenins Lehre ausgehend, nahm die Partei mit dem Zentralkomitee an der Spitze auf breiter Basis die sozialistische Industrialisierung des Landes, die Kollektivisierung der Landwirtschaft und die kulturelle Revolution in Angriff. Zu jener Zeit gewann Stalin große Popularität, Sympathie und Unterstützung. Die Partei mußte gegen jene kämpfen, die das Land von dem richtigen leninistischen Weg abzubringen suchten; sie mußte gegen die Trotzkisten, Sinowjewisten, Rechten und die bourgeoisen Nationalisten kämpfen. Dieser Kampf war unerläßlich. Später allerdings begann Stalin seine Macht in zunehmendem Maße zu mißbrauchen, den Kampf auf hervorragende Partei- und Regierungsfunktionäre auszudehnen, zu kämpfen und mit Terrormaßnahmen gegen ehrbare Sowjetbürger vorzugehen. Wie wir bereits dargelegt haben, erledigte Stalin auf diese Weise so hervorragende Männer der Partei und der Regierung wie Kosior, Rudsutak, Eiche, Postyschew und viele andere.

Wer versuchte, sich gegen grundlose Verdächtigungen und Anschuldigungen zur Wehr zu setzen, fiel den Repressalien zum Opfer. Ein typisches Beispiel hierfür bietet der Sturz des Genossen Postyschew.

Stalin brachte in einer seiner Reden seine Unzufriedenheit mit Postyschew zum Ausdruck und fragte ihn: >Was sind Sie eigentlich?< Postyschew antwortete unmißverständlich: >Ich bin Bolschewik, Genosse Stalin, ein Bolschewik.< Diese Entgegnung wurde zunächst als Respektlosigkeit gegenüber Stalin angesehen; später machte man daraus einen Schädlingsakt, der dann Postyschews Beseitigung und grundlose Anprangerung als >Volksfeind< zur Folge hatte.

In der damaligen Situation habe ich oft mit Nikolaj Alexandrowitsch Bulganin gesprochen; als wir einmal zu zweit im Auto fuhren, sagte er: >Es kann passieren, daß jemand einer Einladung Stalins als Freund Folge leistet; und wenn er dann mit Stalin zusammensitzt, weiß er nicht, ob er anschließend nach Hause oder ins Gefängnis geschickt wird< …

Genossen! Damit sich die in der Vergangenheit begangenen Irrtümer nicht wiederholen, hat sich das Zentralkomitee energisch gegen jeden Persönlichkeitskult ausgesprochen. Wir sind der Ansicht, daß Stalin in übertriebenem Maß herausgestellt wurde. Andererseits hat Stalin in der Vergangenheit der Partei, der Arbeiterklasse und der internationalen Arbeiterbewegung zweifellos auch große Dienste geleistet.

Dieses Problem wird dadurch kompliziert, daß alles, was wir soeben erörtert haben, zu Lebzeiten Stalins, unter seiner Führung und mit seiner Billigung geschah; Stalin war überzeugt, daß dies alles im Interesse der Verteidigung der Arbeiterklasse gegen die Anschläge der Feinde und gegen die Angriffe des imperialistischen Lagers notwendig gewesen sei. Er betrachtete diese Dinge unter dem Gesichtspunkt der Interessen der Arbeiterklasse, der Interessen der Werktätigen, des Sieges des Sozialismus und Kommunismus. Wir dürfen nicht sagen, daß dies Handlungen eines vom Schwindel befallenen Despoten gewesen seien. Nach seiner Ansicht lagen diese Handlungen im Interesse der Partei, der werktätigen Massen, der Sicherung der Errungenschaften der Revolution. Hierin liegt die ganze Tragödie!

Genossen! Lenin hat oft betont, daß Bescheidenheit ein unerläßliches Merkmal jedes echten Bolschewisten ist. Lenin selbst war die lebendige Verkörperung höchster Bescheidenheit. Wir können nicht sagen, daß wir diesem Beispiel Lenins in jeder Hinsicht gefolgt sind. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß zahlreiche Städte, Fabriken und Industriebetriebe, Kolchosen und Sowchosen, Sowjet- und Kulturinstitutionen, so, als ob sie – mit Verlaub zu sagen – unser Privateigentum wären, mit dem Namen dieses oder jenes führenden Regierungs- oder Parteifunktionärs bedacht wurden, der noch im Amt ist und sich bester Gesundheit erfreut. Viele von uns machten mit, wenn es galt, Städte, Rayons, Industriebetriebe und Kolchosen nach uns zu benennen. Das müssen wir abstellen …

Wonach beurteilt man das Prestige und die Bedeutung eines führenden Mannes? Danach, wie viele Städte, Industriewerke und Fabriken, Kolchosen und Sowchosen seinen Namen tragen. Ist es nicht allmählich an der Zeit, daß wir diesen >Privatbesitz< abschaffen und die entsprechenden Fabriken, Industriewerke, Kolchosen und Sowchosen >verstaatlichen<? Das wird unserer Sache nur dienlich sein. Schließlich ist auch dies ein Ausdruck des Persönlichkeitskults.

Wir sollten die Frage des Persönlichkeitskults mit größtem Ernst prüfen. Wir dürfen diese Angelegenheit nicht aus den Reihen der Partei hinaus, insbesondere nicht in die Presse dringen lassen. Aus diesem Grunde behandeln wir sie hier auf einer geschlossenen Sitzung des Parteikongresses. Wir müssen die Grenzen kennen; wir dürfen dem Feind keine Munition liefern; wir dürfen unsere schmutzige Wäsche nicht vor seinen Augen waschen. Ich denke, die Delegierten des Parteikongresses werden alle diese Vorschläge verstehen und richtig beurteilen.

Genossen! Wir müssen den Persönlichkeitskult entschlossen abschaffen, ein für allemal; wir müssen die entsprechenden Konsequenzen ziehen, und zwar sowohl hinsichtlich der ideologisch-theoretischen als auch der praktischen Arbeit. Dies ist aus folgenden Gründen nötig: Erstens müssen wir als echte Bolschewisten den Persönlichkeitskult verurteilen und mit der Wurzel ausrotten, weil er dem Marxismus-Leninismus fremd ist und im Widerspruch zu den Grundsätzen der Parteiführung und den Normen des Parteilebens steht, und wir müssen alle Versuche, diese Praktiken auf die eine oder andere Art wieder einzuführen, unerbittlich bekämpfen.

Was dies anbelangt, so werden wir viel tun müssen, um die mit dem Persönlichkeitskult verbundenen weitverbreiteten irrigen Ansichten auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung, der Philosophie, der Volkswirtschaft und anderer Wissenschaften sowie in der Literatur und den bildenden Künsten vom marxistisch-leninistischen Standpunkt kritisch zu untersuchen und richtigzustellen. Vor allem ist es nötig, daß wir bereits in allernächster Zukunft ein ernst zu nehmendes Lehrbuch über die Geschichte unserer Partei ausarbeiten, das mit wissenschaftlich-marxistischer Objektivität verfaßt ist, ein Lehrbuch über die Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft, ein Buch, das den Ereignissen des Bürgerkrieges und des Großen Vaterländischen Krieges gerecht wird.

Zweitens müssen wir systematisch und konsequent die Arbeit fortführen, die das Zentralkomitee der Partei in den letzten Jahren geleistet hat, eine Arbeit, die sich durch die genaueste Beachtung der leninistischen Grundsätze der Parteiführung in sämtlichen Parteiorganisationen, von den Grundeinheiten bis zur Spitze, auszeichnete, vor allem aber durch die Befolgung des wichtigsten Grundsatzes der kollektiven Führung, durch die Beachtung der in den Parteistatuten festgelegten Normen des Parteilebens sowie schließlich durch umfassende Kritik und Selbstkritik.

Drittens müssen wir den leninistischen Grundsätzen der sowjetisch-sozialistischen Demokratie, wie sie in der Verfassung der Sowje-Union niedergelegt sind, wieder volle Geltung verschaffen und die Willkür einzelner Personen bekämpfen, die ihre Macht mißbrauchen. Die üblen Folgen aller Verstöße gegen die revolutionäre sozialistische Gesetzlichkeit, die sich im Laufe der Jahre infolge des schädlichen Einflusses des Persönlichkeitskults häuften, müssen restlos beseitigt werden …

http://www.luebeck-kunterbunt.de/TOP100/Abrechnung_mit_Stalin.htm

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