Christoph R. Hoerstel: Die Chancen des Blockfreien-Gipfels nutzen

Die Chancen des erfolgreichen NAM-Gipfels nutzen

Christoph R. Hörstel

In den westlichen Medien hat der 16. Gipfel der traditionsreichen Blockfreien-Bewegung stattgefunden wie eine kurzfristige Überraschung minderen Ausmaßes, eine Art „Ausrutscher“ dieser Staatengemeinschaft, die sich unglücklicherweise den falschen Tagungsort gewählt hatte.

Unerwähnt blieb, dass zum Zeitpunkt der Festlegung dieses Tagungsortes die USA und Israel gemeinsam fest geplant hatten, in Iran eine weitere „Farbenrevolution“ zu veranstalten, die in christlich geprägten Ländern stets die Farbe Orange tragen – und in islamischen die Farbe Grün. Bekanntlich ging dieser Versuch gründlich schief: Die Regierung erhielt zu viel Unterstützung aus dem Volk, die Opposition stellte fest, dass sie lediglich als Transmissionsriemen ausländischer Interessen vorgesehen war und besaß genügend Ehrgefühl, um sich dafür nicht herzugeben – und die zahlreichen Betrugsmanöver, von Twitter-Meldungen aus Jerusalem bis zum spektakulär inszenierten Mord an einer hübschen jungen Frau, flogen schneller auf als sie nachgebastelt werden konnten. Das für den Umsturz-Versuch von US-Präsident George W. Bush bereitgestellte Sonderbudget von 400 Millionen US$ verpuffte. Sollten die USA und ihre Freunde 2009 gehofft haben, zum „NAM“-Gipfel 2012 in Teheran dort ein abhängiges Vasallenregime vorzufinden, haben sie sich geirrt.

Nun also, Teheran: 24 Präsidenten, drei Könige, acht Vizepräsidenten und ebenso viele Premiers, dazu 50 Außenminister und weitere 19 Missionen von Beobachter-Ländern, geladenen Gästen und Welt-Organisationen, dazu Diplomaten aus den übrigen Staaten im weiteren Umfeld: Unabhängig vom hilflos wirkenden Propaganda-Verhalten westlicher Medien lässt sich sagen: Eine Woche lang blickte der gesamte Globus aufmerksam nach Teheran. Die Druckmittel auf alle Teilnehmer waren gewaltig: Besonders viel davon bekam der UN-Generalsekretär Ban-ki Moon zu spüren, der zunächst nach US-amerikanischer Vorstellung gar nicht fahren sollte – und als sich das nicht halten ließ, zu scharfer Iran-Kritik verpflichtet wurde, die er allerdings auch nicht wie gewünscht ableistete.

Allein die Tatsache, dass in Teheran ein Schlussdokument verbschiedet wurde, dass die Prinzipien der Blockfreien-Bewegung einfach aufrechterhält, ist in Zeiten der wie losgelassen agierenden US-Außenpolitik ein nicht zu unterschätzender Gewinn. Darüber hinaus jedoch enthielt das am vergangenen Freitag verabschiedete Schlusscommuniqué Unterstützung für Irans Atomenergieprogramm und die Anliegen der Palästinenser, während die einseitige US-Sanktionspolitik gegen Iran und eine gewisse Islamophobie Zurückweisungen einstecken mussten.

Erstaunlich auch für viele Außenstehende, die sonst an der iranischen Politik nicht intensiv teilnehmen: die klaren Worte des Obersten Revolutionsführers Ayatollah Ali Khamenei, der im Gipfel-Kontext Israel so scharf kritisierte, dass es der Nato ordentlich unter die Haut gefahren sein muss und sich darüber hinaus mit (nach Ansicht dieses Autors durchaus zutreffenden) Begriffen wie „westliche Medien-Mafia“ vernehmen ließ.

Ja, die westlichen Medien. Für eine echte Gipfel-Überraschung sorgte IRIB-Chef Ezzatollah Zarghami, als er am Schluss der Konferenz dazu aufrief, der globalen Mediendominanz des Westens einen Medienblock der Blockfreien entgegenzusetzen. Damit hat dieser Gipfel in den Strategie-Büros des Westens garantiert für Schockwellen gesorgt, auch wenn deren mediales Schweigen dazu regelrecht Donnerhall annimmt. Die allgemeine Hoffnung wird dort sein, dass Teheran es nicht  schafft, in den kommenden drei Jahren hier (medien-)politische Substanz hinter die Forderung zu bringen. Schließlich hat es ja auch dreijährige Amtszeiten in der Blockfreien-Geschichte gegeben, die eher von allgemeiner Bewegungslosigkeit gekennzeichnet waren. Und die Herausforderung ist tatsächlich gewaltig: Schließlich arbeiten die USA bereits seit mehr als 30 Jahren erfolgreich an der immer engeren Verzahnung von regierungshörigen Medien, Politik, Militär und Geheimdiensten – mit Höhepunkten in der Zerschlagung Libyens und einer geplanten Wiederholung in Syrien.

Doch auch diese Hoffnungen der USA könnten enttäuscht werden: Jetzt geht es darum, die professionell üblichen Schritte so zügig zu erledigen, dass über die Blockfreien-Bewegung hinaus global klar wird: Dieser Blockfreien-Vorsitz gehört zu den Aktiven. Vor der Schaffung eines gemeinsamen Medienblocks der Blockfreien steht eine innere Anstrengung aller Mitglieder bei sich zu Hause, um folgende Punkte zu erarbeiten: eine gemeinsame Strategie für Politik und Medien nach dem aus der Marketingstrategie bekannten „Corporate Identity“-Verfahren, eine Stärken-Schwächen-Analyse für diese Bereiche und schließlich ein Vorschlagspaket aus Maßnahmen, Forschungen und weiteren Schritten. Alle Mitgliedsländer, die zuhause diese Schritte durchlaufen haben, wären dann international überhaupt erst „konferenzfertig“ – und: fähig.

Ein großer Nutznießer dieser Arbeiten könnte das zur Zeit am meisten bedrohte Mitglied der Bewegung sein: Syrien. Gerade hier wurden in den letzten Wochen und Monaten geradezu unglaubliche Fortschritte auf dem Mediensektor gemacht, bei weiterhin nicht vorhandener strategischer Orientierung und operativer Einbindung in politische Schrittfolgen.

Und so könnte die Teheran-Konferenz von 2012 in die Geschichte eingehen als eine der bedeutsamsten Wendemarken der Bewegung der Blockfreien. Eine angemessene Rolle für ein menschheitsgeschichtlich so bedeutendes Land wie Iran – ganz abgesehen von der geschichtlichen UND religiösen Bedeutung des weltweit einmaligen Systems Velayat-e Faqih.


Christoph R. Hörstel

Managing Director

Hörstel Networks

Government & Business Consulting

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14407 Potsdam

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