Die Führer des Westens benehmen sich wie kleine Kinder

Hillery Clinton

by Thierry Meyssan

Der Slogan “Bashar must go” sollte eigentlich von den Massen in Protestveranstaltungen in Damaskus und Aleppo skandiert werden. Da es aber an solchen Demonstrationen fehlte, wurde er von den westlichen Führern selbst übernommen, obwohl dies gegen alle diplomatischen Regeln verstößt. Warum?

1985 veröffentlichte der Sozialwissenschaftler  Gene Sharp eine Studie im Auftrag der NATO unter dem Thema “Europa uneinnehmbar machen” . Er stellte fest, dass es letztlich eine Regierung nur gäbe, weil die Menschen bereit sind, ihr zu gehorchen. Nie würde die UdSSR Westeuropa kontrollieren können, wenn die Völker sich weigerten, kommunistischen Regierungen zu gehorchen.

Wenige Jahre später, im Jahre 1989, wurde Sharp von der CIA beauftragt, eine praktische Anwendung seiner theoretischen Forschungen in China durchzuführen. Die Vereinigten Staaten wollten Deng Xiaoping zugunsten von Zhao Ziyang stürzen. Die Idee war, einen Staatsstreich unter legitimen Anschein durch die Organisation von Strassenprotesten zu organisieren, größtenteils auf die Art und Weise, mit der die CIA dem Sturz von Mohammed Mossadegh einen populären Anstrich gegeben hatte, indem sie Demonstranten in Teheran bezahlte (Operation Ajax, 1953). Neu war, dass Gene Sharp sich auf eine Mischung von pro-Zhao- und pro-US-Jugendlichen stützen sollte, um den Staatsstreich wie eine Revolution aussehen zu lassen. Aber Deng ließ Sharp auf dem Tienanmen-Platz verhaften und wies ihn aus. Der Coup scheiterte, aber vorher hetzte die CIA die Jugendgruppen noch in eine hoffnungslose Attacke, um Deng durch die nachfolgende Niederschlagung der Revolte zu diskreditieren. Für das Scheitern der Operation machte man die Schwierigkeiten bei der Moblilisierung der jungen Aktivisten in die gewünschte Richtung verantwortlich.

Seit der Arbeit des französischen Soziologen Gustave Le Bon vom Ende des 19. Jahrhunderts ist bekannt, dass Erwachsene, wenn sie auf eine kollektive Emotion reagieren, sich wie Kinder benehmen. Sie werden durch die Anregung eines Führers beeinflusst, der während eines Augenblicks für sie die väterliche Figur verkörpert. 1990 kam Sharp mit Oberst Reuven Gal in Kontakt, dem damaligen Chef-Psychologen der israelischen Armee (er wurde später stellvertretender Berater für nationale Sicherheit von Ariel Scharon und führt jetzt die Operationen für Manipulation der jungen nicht-jüdischen Israelis). Indem er die Entdeckungen von Le Bon und Sigmund Freud vereinte, kam Gal zu dem Schluss, dass es möglich wäre, den “Ödipus-Komplex” bei Jugendlichen zu nutzen, um eine Masse junger Menschen gegen ein Staatsoberhaupt, das Symbol des Vaters, zu manipulieren.

Auf dieser Basis entwarfen Sharp und Gal die Ausbildung von jungen Aktivisten für die Organisation von Staatsstreichen. Nach einigen Erfolgen in Russland und in den Baltenstaaten gelang es Gene Sharp 1998 die Methode der “Farbenrevolutionen” mit dem Sturz des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic zu krönen.

Nachdem Präsident Hugo Chávez einen Staatsstreich in Venezuela unter Berufung auf eine meiner Untersuchungen vereitelt hatte, die die Rolle und die Methode von Gene Sharp darlegte, hat letzterer die Tätigkeit am Albert-Einstein-Institut eingestellt, das ihm als Deckung diente und anschließend neue Strukturen aufgebaut (CANVAS in Belgrad, die Academy of Change in London, Wien und Doha). Wir sahen sie auf der ganzen Welt am Werk, speziell im Libanon (“Zedernrevolution“), im Iran (“grüne Revolution“), in Tunesien (“Jasmin Revolution“) und in Ägypten (“Revolution des Lotus“). Das Prinzip ist einfach: alle Frustrationen verschlimmern, die politische Autorität für alle Probleme verantwortlich machen, junge Menschen nach dem Freud’schen Szenario des “Vatermordes” manipulieren, einen Putsch organisieren, und glauben machen, dass die Regierung gerade  von der Straße gestürzt wurde.

Die internationale öffentliche Meinung hat diese Inszenierungen einfach so geschluckt. Erstens weil Verworrenheit der Begriffe von „Masse“ und „Volk“ herrscht. So war die “Lotus-Revolution” auf eine Show auf dem Tahrir-Platz in Kairo beschränkt, wo sie Zehntausende von Menschen mobilisierte, während sich fast das ganze ägyptische Volk der Teilnahme an den Protesten Volk enthielt. Zweitens gibt es Unklarheit was das Wort “Revolution” betrifft. Eine echte Revolution ist eine Umwälzung der sozialen Strukturen, die oft mehrere Jahre braucht, während eine Farbenrevolution nur ein Regimewechsel ist, der in einigen Wochen stattfindet. Ein anderer Name für eine erzwungene Änderung der Führungsmannschaft ohne soziale Umwälzungen ist der “Staatsstreich”. Um mit dem ägyptischen Beispiel fortzufahren, war es nicht das Volk, das Hosni Mubarak zum Rücktritt gezwungen hat, sondern der US-Botschafter Frank Wisner, der den Befehl dazu gab.

Der Slogan der Farbenrevolutionen geht auf eine infantiles Perspektive zurück. Hauptsache, das Staatsoberhaupt wird gestürzt, ohne Rücksicht auf das, was da folgen wird. “Keine Sorge über die Zukunft, Washington übernimmt alles für Sie!”  Zunächst schreit man also “Schewardnadse Genug!” oder “Ben Ali verschwinde!”. Wenn die Menschen dann aufwachen, ist es jedoch zu spät, da Individuen, die sie nicht gewählt haben, die Regierung widerrechtlich an sich gerissen haben. Man hat die Katze im Sacvk gekauft.

Eine Gentleman-Variante wurde vor einem Monat auf der dritten Konferenz der “Freunde von Syrien“ (Paris, 6. Juli) lanciert: “Baschar muss raus!”.

Bezüglich Syrien gibt es hier eine seltsame Anomalie: Da die CIA keine Gruppen von jungen Syrern finden konnte, um diesen Slogan in den Straßen von Damaskus und Aleppo zu skandieren, ist es die Aufgabe von Barack Obama, François Hollande, David Cameron und von anderen Staatschefs wie Angela Merkel, ihn im Chor aus ihren jeweiligen offiziellen Palästen wiederholt hinauszuposaunen. Washington und seine Verbündeten versuchen die Methoden von Gene Sharp auf die “internationale Gemeinschaft” anzuwenden. Es ist eine riskante Wette, zu glauben, ausländische Ministerien so leicht wie Jugendbanden manipulieren zu können. Momentan ist das Ergebnis einfach lächerlich: die Führer der kolonialen Mächte trampeln wie frustrierte Kinder vor einem Spielzeug, das ihnen von den russischen und chinesischen Erwachsenen entzogen wurde, indem sie bis zum Überdruss wiederholen: “Baschar muss raus!”.

Übersetzung
Horst Frohlich /sprachliche Korrekturen: politaia.org

Quelle
Neue Rheinische Zeitung (Deutschland)

http://www.voltairenet.org/Western-leaders-slip-back-into

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