Die westlich-iranische Propagandaschlacht um den NAM-Gipfel in Teheran

Letzte Woche fand in Teheran der 16. Gipfel der Bewegung der Blockfreien Staaten (NAM) statt. Im Vorfeld gab es von einigen westlichen Staaten massiven Druck auf die Mitgliedsstaaten, die Teilnahme an der Großkonferenz abzusagen oder zumindest sich dort nur von niedrigrangigen Offiziellen vertreten zu lassen. Nachdem dies gründlich gescheitert war (es nahmen alle Mitgliedstaaten teil und unter anderem der Generalsekretär der Vereinten Nation (UN), der Arabischen Liga (AL), der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC), 2 Könige, 27 Staatspräsidenten, 8 Regierungschefs und mehr als 25 Außenminister), begannen westliche Medien – aus welchen Gründen auch immer – nun damit, die Reden der wichtigsten Teilnehmern sowie Ereignisse außerhalb und innerhalb der Konferenz völlig verzerrt oder unvollständig wiederzugeben. Die Massenmedien in Iran agierten ebenso, allerdings mit dem Unterschied, dass der Verfälschung dort vornehmlich technische Schwierigkeiten zugrunde lag.

Die mediale Stigmatisierungswelle im Westen begann mit Berichten  über die ernsthaften Sorgen des UN-Generalsekretärs Bank Ki-Moon über die Menschenrechtslage in Iran. Auch der iranische Staatssender „Press TV“ berichtete über die Meinungsverschiedenheiten, ergänzte sie allerdings mit weiteren Informationen über Ban Ki-Moons Verurteilung der westlichen Provokationen gegen Iran. Darüber hinaus bekam man in den westlichen Blättern kaum etwas von den lobenden Worten des UN-Generalsekretärs für die Islamische Republik zu lesen, wie unter anderem über die – ja, tatsächlich sage und schreibe – konstruktive und nützliche Kooperation der Iraner mit der IAEA. Ferner wurde der gesamte Besuch des höchsten UN-Offiziellen im Westen so gekennzeichnet, dass nur dieser ein Paket von Forderungen an Teheran gerichtet hätte und die Iraner im Gegenzug nichts zu kritisieren hätten.

Ähnlich wurden mit den Statements des ägyptischen Staatspräsidenten und Muslimbruders Mohammed Mursi verfahren. Dem Leser im Westen wurde vorwiegend das Gefühl vermittelt, als ob – beim ersten Staatsbesuch eines ägyptischen Präsidenten in Iran nach der Islamischen Revolution von 1979 – er sich demonstrativ gegen das iranische Regime gestellt habe, in dem er ein anderes Regime – nämlich das syrische – verurteilte. Zugeben, Syrien gilt als Verbündeter Irans, aber wer in Teheran hatte die Hoffnung, dass Mursi seinen allseits bekannten Anti-Assad-Standpunkt revidieren würde, so dass man von einer Brüskierung Teherans oder einem Eklat sprechen durfte und konnte? Damit nicht genug – in der ARD überspitzte man die „Affäre“ sogar dermaßen, dass fälschlicherweise von der kompletten Abreise der syrischen Delegation von der mehrtägigen Konferenz die Rede war. In Wirklichkeit verließ die syrische Delegation lediglich bei der Ansprache Mursis den Saal und war bei den Reden der restlichen 119 Mitgliedsstaaten zugegen, was darauf hindeutet, dass Mursis Syrien-Position auf der Konferenz einmalig war und unter anderem mit der Position des Gründerstaates der NAM und „zukünftige Weltmacht“ Indien im Widerspruch stand.

Abgesehen von den Ausfällen Mursis über Syrien, gab der Moslembruder – man höre und staune – auch iranfreundliche Statements ab. Unabhängig davon, dass es der ägyptische Präsident vorzog, die Volksrepublik China und die Islamische Republik Iran noch vor den Vereinigten Staaten einen Staatsbesuch abzustatten, hat Mursi – konträr zu den westlichen Illustrationen – bereits im Vorfeld vorgeschlagen, die Islamische Republik Iran als Teil einer Aktionsgruppe für die Syrienfrage, neben Saudi-Arabien, der Türkei und seinem Land, mit einzuschließen – ein klarer Affront gegen die USA, die seit jeher sich stemmt, die Islamische Republik an jeglicher Lösungsfindung in der Syrienkrise zu involvieren. Ohnehin sind sich sich der ägyptische Präsident und das iranische Regime in den meisten Punkten einig: Mursi kritisiert Israel, weil es nicht dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten ist und verlangt eine Reform in den Strukturen des UN-Sicherheitsrats. Tatsächlich bezeichnete der Ägypter Iran sogar als strategischen Partner Ägyptens.

Demgegenüber haben entgegengesetzt die iranischen Medien – neben den technischen Übersetzungspannen – vornehmlich die wohlgesinnten Statements des ägyptischen Islamisten wiedergegeben und seinen kritischeren Beiträgen weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Bezüglich der Übersetzungsquerelen aber hat man in Teheran aber immerhin die Fehler eingeräumt – im Gegensatz zu der sich bis zum heutigen Tag hartnäckig haltenden Fehlübersetzung der Ahmadinejad-Rede, nach der Iran Israel angeblich von der Landkarte (atomar) tilgen wolle, was von westlichen Medien trotz der sich daraus ergebenden weltpolitischen Brisanz immer wieder gerne wiederholt wird. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls erwähnenswert, dass Iran in der Vergangenheit schon einmal – mit einem eigenen einbestellten Übersetzer beim „Jahrhundert-Interview“ von ZDF-Nachrichtensprecher Claus Kleber mit Irans Präsident einen Eigentor erzielte, wo die Übersetzung an entscheidenden Stellen – zum Nachteil Teherans – Fehler aufweist. In diesem Sinne nichts Neues aus Iran.

Khamenei spricht erstmals USA direkt an

Es stellt sich im Anbetracht der westlichen Rezeption die Frage, warum hier fast ausschließlich der ägyptische Präsident hervorgehoben wurde und warum dabei einige Kernaussagen des iranischen Gastgebers nicht einmal genannt wurden. Stattdessen wurde in einem reißerischen Spiegel-Artikel „Einsam unter 120 Ländern“ (die Kontradiktion spricht für sich) betont, dass das Wort ‚Meinungsfreiheit’ in der Rede des iranischen Staatsoberhauptes Ayatollah Ali Khamenei nur ein einziges Mal vorkam und das Wort ‚Zionist’ elf Mal (es waren übrigens neun Mal). Wenn dies relevant für die Berichterstattung ist, dann soll nun nach derselben Methode ergänzt werden, dass das Wort ‚Gerechtigkeit’ 6 Mal, das Wort ‚Frieden’ 9 Mal und das Wort ‚Wahrheit’ 16 Mal fiel. Hinzu kommt, dass Ayatollah Khamenei erstmals die Verantwortungsträger in den USA öffentlich und direkt ansprach und ihnen – angesichts der immer größer werdenden amerikanisch-israelischen Unstimmigkeiten (sei es in der Palästina– oder in der Iran-Frage) – einen Bündniswechsel in der Region anriet.

In der westlichen Presse ging es allerdings nicht bloß um die gezielte Stigmatisierung Khameneis und die Hervorhebung der kritischen Worte Mursis. Bis auf den  Präsidenten Simbabwes, Robert Mugabe, und Nordkoreas nominellen Staatschef Kim Yong-nam, deren Erwähnung in diesem Kontext Iran noch  bedrohlicher erscheinen lässt, haben westliche Zeitungen kaum weitere Teilnehmer erwähnt und ebenso keine weiteren bilateralen Abkommen, die Teheran am Rande der Konferenz mit anderen Staaten abschloss. Überhaupt mag es für sehr viele verwunderlich klingen, dass man Iran als isoliert darstellt, da die Repräsentanten aus mehr als 120 Ländern in diesem Fall sicherlich gar nicht erst in Teheran erschienen wären. Der Gipfel alleine stellt einen diplomatischen Erfolg dar, bei dessen Anerkennung Überlegungen über einen Strategiewechsel im Umgang mit Iran angebracht wären. Wäre die Islamische Republik in den letzten Jahren jemals wirklich politisch isoliert gewesen, dann hätte man nicht seit so vielen Jahren darüber diskutieren müssen, ob man einen militärischen Erstschlag gegen Iran initiiert oder nicht. Unter anderem liegt das Zögern daran, dass das Regime viele internationale Beziehungen pflegt, und das bedeutet des Weiteren, dass ein Krieg gegen Persien nur über weitere Sanktionierungen und vermeintliche Isolierung Teherans erfolgen kann.

Maßgebend ist nun, wie viele Menschen die Perspektive von den mehr als 120 teilnehmenden Ländern des NAM-Gipfels erfahren werden. Denn die Abschlusserklärung des NAM-Gipfels, die den Konsumenten vieler deutscher Medien vorenthalten wurde, spricht für sich: Die Nicht-UN-Sanktionen gegen Iran werden verurteilt, das Recht auf das iranische Nuklearprogramm wird wiederum betont. Zudem sprach sich der NAM-Gipfel gegen die Besetzung der palästinensischen Gebiete aus und ruft zu einer atomwaffenfreien Zone im Nahen Osten auf. Auf der anderen Seite ist es eine iranische Übertreibung, von Standing Ovations der Führer der Blockfreien Staaten zu der Ansprache Ali Khameneis zu sprechen (s. letzte Minute).

http://irananders.de/home/news/article/die-westlich-iranische-propagandaschlacht-um-den-nam-gipfel-in-teheran.html

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