Putins offener Brief an die Amerikaner – Thierry Meyssan

Albrecht Müller zum Syrien-Konflikt

Putin alarmiert die Amerikaner über die Folgen der Politik ihrer Regierung

von Thierry Meyssan
18. September 2013

Während Washington und Paris ankündigten, sich für einen Angriff auf einen  souveränen Staat, Mitglied der Vereinten Nationen, ohne Mandat des Sicherheitsrates vorzubereiten, wählte Moskau zuerst den Weg des diplomatischen Dialoges und wandte sich dann an das amerikanische Volk. Dieser beispiellose Ansatz ist der beste Weg, um die Geister vor Überhitzung zu bewahren. Was sind die Argumente des russischen Präsidenten?

In einem offenen Brief, welcher von der New York Times am 12. September veröffentlicht wurde, stellt der russische Präsident Wladimir Putin seine Sicht der neuen internationalen Beziehungen hinsichtlich der syrischen Krise dar [1].

• Vor allem unterstreicht er sein Engagement für die Vereinten Nationen und seinen Willen, die USA wieder zurückzubringen, die sich seit der Aggression der NATO gegen Jugoslawien im Jahr 1999 den Vereinten Nationen entzogen haben. Er stellt fest, dass die aus der Gruppe der fünf Mächte mit Veto-Recht gebildeten Weltregierung die Stabilität des Systems garantiert, mit dem Preis  einer freiwillig akzeptierten Machtbegrenzung. Das internationale Völkerrecht basiert auf dieser Akzeptanz.

• Dann beschreibt er den Krieg in Syrien als einen Krieg zwischen der Regierung und einer religiös definierten und um ausländische Kämpfer herum organisierten Opposition, die sich auf Al-Qaida berufen. In diesem Punkt besteht er auf der Tatsache, dass der Krieg in Syrien nicht Demokratie zum Ziel habe und dass diese das Ziel keines der beiden Lager sei.

• Was den chemischen Angriff vom 21. August betrifft, erklärte er seine Überzeugung, dass er unter falscher Flagge von der bewaffneten Opposition unternommen wurde, um eine internationale Krise und Intervention gegen die Regierung auszulösen. Er fügt hinzu,er besitze Informationen, wonach dieselbe Opposition eine ähnliche Aktion gegen Israel vorbereite. Diese Darstellung der Ereignisse ist seither durch die Aussage eines von der syrisch-arabischen Armee gefangenen Dschihadisten bestätigt worden. Er gestand auf TV-Al-Ikbariya, dreizehn Raketen von einer türkischen Armee-Basis nach Damaskus überführt zu haben, während nur zwei oder drei von diesen 13 Raketen benutzt wurden [2]. Es bleiben daher noch etwa zehn.

Wladimir Putin geht weiter mit der Feststellung, dass der systematische Gebrauch von Gewalt durch die Vereinigten Staaten eine allgemeine Atmosphäre der Unsicherheit schaffe. Da sie nicht mehr auf das Recht zählen können, um sich zu schützen, erwägen immer mehr Staaten, sich mit atomaren Waffen auszustatten, was am Ende immer mehr Unsicherheit entwickelt, in der Art eines Teufelskreises. Ebenso erhöht die Unterstützung der ausländischen Dschihadisten in Syrien durch den Westen die Unsicherheit nicht nur in dieser Region der Welt, sondern auch im Westen, weil diese Terroristen schließlich zurück in ihre Heimat gehen werden und zum Kampf gegen ihre eigene Gesellschaft antreten. In beiden Fällen wird die Strategie der USA, die auf den ersten Blick schlau erscheinen mag, sich gegen sie selbst zu wenden.

• Schließlich endet er mit einem frontalen Angriff gegen die Ideologie seines amerikanischen Kollegen. Er prangert den “amerikanischen Exzeptionalismus” an, wonach diese große Nation anders geartet sei, als andere Länder, und mehr als alle anderen dazu berufen sei, Gerechtigkeit herrschen zu lassen. Dieses Vorherrschaftsdenken, das in dem Anspruch zum tragen komme, alleinige Supermacht ohne Rücksichtnahme auf den Sicherheitsrat und das Völkerrecht zu sein, sei an sich eine Konfliktquelle, die kein Mensch akzeptieren könne.

Mit diesen offene Brief enthüllt Wladimir Putin den Sinn seiner Politik: Washington erkennen zu lassen, dass die USA nicht – oder nicht mehr – der Herrscher der Welt sind und sie wieder auf das Niveau eines der fünf Großmächte des Sicherheitsrates zu bringen, welche die Regeln des Völkerrechts zu respektieren hätten. Die syrische Krise scheint zu zeigen, dass er erfolgreich war, da die USA, zumindest vorübergehend, auf einen Angriff auf Syrien unter Missachtung des Völkerrechts verzichtet haben. Russland habe daher die Gleichgewichts-Funktion übernommen, welche die Sowjetunion einst innehatte. Die US-Vorherrschaft über die ganze Welt wäre nach einem Zeitraum von 18 Jahren seit  ihrer Aufrüstung (1995) bis hin zu ihrer Niederlage in Syrien (2013) zu Ende gegangen.

Darüber hinaus bemüht sich der russische Präsident, durch eine neue Definition Washington zu helfen, sich vom syrischen Problem zu befreien: die syrische Regierung führt keinen Krieg gegen die Demokratie, sondern verteidigt seine bedrohte Gewissensfreiheit gegen den Fanatismus der Al-Qaida und Konsorten. Daher wirken die Interessen der Mitglieder des Sicherheitsrates zusammen, um den syrischen Staat in seinem Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu unterstützen.

Der Ball ist jetzt in amerikanischen Händen. Präsident Barack Obama reagierte trotz der Aufforderungen der russischen Presse nicht auf diesen offenen Brief. Dies lässt vermuten, dass er die Richtigkeit der Sicht von Wladimir Putin anerkennt, selbst wenn er sie nicht unbedingt akzeptiert. Wie auch immer, indem er die amerikanische und internationale Öffentlichkeit als Zeugen nimmt, hat der russische Präsident Washingtons Falken-Politik geschwächt und den Frieden gefördert.

Übersetzung
Horst Frohlich

[1] “A Plea for Caution From Russia” von Wladimir Putin, auf Englisch im New York Times/Voltaire Network, 12 september 2013.

[2] „Die chemischen Raketen von Ghuta kamen aus der türkischen Armee“, Voltaire Netzwerk, 16. September 2013.

http://www.voltairenet.org/article180298.html

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen