Washington spielt Russisches Roulette

By F. William Engdahl (Übersetzung von politaia.org)

Radar_raketenschild
Es fällt auf, dass die Raketen auf beiden Seiten auf deutschem Gebiet stationiert sind.

In seiner letzten jährlichen Pressekonferenz antwortete der russische Präsident Wladimir Putin auf eine Frage über die gerüchteweise Stationierung von Iskander-Raketen in Kaliningrad [Königsberg] an der Grenze zu Polen.

Er erläuterte, dass der US-amerikanische Raketenschild eine Bedrohung für Russlands nationale Sicherheit darstelle und Russland das Recht habe, Iskander-Rakten in Kaliningrad zu stationieren, aber er sagte auch, dass dieser Schritt noch nicht unternommen worden wäre. Putin fügte allerdings hinzu, dass die Stationierung der Iskander-Raketen …eine logische Antwort auf die amerikanischen Pläne wäre, ein Raketenschild in Europa aufzubauen.

Was allerdings – abgesehen von einer Handvoll militärischer Experten – nur wenige im Westen kapieren, ist die Tatsache, dass das US-Projekt zur Installation von sogenannten ballistischen Verteidigungsraketen und speziellen Radaranlagen in Polen, der Tschechischen Republik und Bulgarien den provokativsten Akt Washingtons gegenüber der schieren Existenz Russlands  darstellt, den man sich vorstellen kann und der die Welt an dem Rande eines nuklearen Krieges bringt.

Putins Aussage folgte auf einen Bericht der glühenden Vertreterin einer pro-amerikanischen Politik, der deutschen Bild-Zeitung. Einige Tage vor Putins Aussage berichtete die Bild-Zeitung, dass geheime Satellitenaufnahmen Iskander-M-Raketen nahe der polnischen Grenze zeigten. Der Bild-Bericht und die westlichen Medien in Europa und den USA porträtierten den Kaliningrad-Bericht als eine Bestätigung der russischen Aggressivität und als eine Rückkehr zum Kalten Krieg. In der Tat hat für Washington und das US-Militär der Kalte Krieg niemals geendet. Washingtons Raketenschild stellt die die extremste Provokation dar, die man sich in der nuklearen Ära vorstellen kann. Er ist die atomare Version des Russischen Roulette, welcher die Wahrscheinlichkeit eines Präventivschlags durch Moskau gegen die polnischen Raketen oder das tschechische AMD-Radar äußerst logisch erscheinen läßt. Dazu sind einige Hintergrundinformationen von Nutzen.

Putin in München

Im Februar 2007 sprach Putin vor der jährlich stattfindenden Münchner Sicherheitskonferenz. Die Rede, welche in jeder Hinsicht bemerkenswert war, überraschte viele im Westen:

Die NATO hat ihre Frontlinie an unsere Grenzen verschoben….Es ist offensichtlich, dass die Expansion der NATO nichts mit der Modernisierung der Allianz selbst zu tun hat oder mit Wahrung der Sicherheit in Europa.  Ganz im Gegenteil,  ihre Politik stellt eine ernsthafte Provokation dar, welche das Ausmaß gegenseitigen Vertrauens reduziert. Und wir haben das Recht zu fragen: Gegen wen ist diese Expansion gerichtet? Und was ist mit den Zusicherungen geschehen, die unsere westlichen Partner nach der Auflösung des Warschauer Paktes gegeben haben? [1]

Putin fuhr fort:

Es ist unmöglich, das Auftauchen von neuen, destabilisierenden High-Tech-Waffen zu sanktionieren….. eine neue Ära der Konfrontation beginnt, vor allem im Weltraum. Weltraumkrieg ist keine Phantasie mehr, er ist Realität…..Aus russischer Sicht könnte die Militarisierung des Weltraums unvorhersehbare Konsequenzen für die internationale Gemeinschaft mit sich bringen und nichts weniger als den Beginn einer Nuklearen Ära markieren.

Pläne, gewisse Elemente des Raketenabwehrsystems nach Europa auszudehnen, können dabei nicht helfen, sondern nur schaden. Wer braucht einen neuen Schritt in Richtung eines neuen Wettrüstens? [2]

Der russische Außenminister antwortete in dieser Zeit (im Jahr 2007) auf die AMD-Ankündigung Washingtons folgendes: “Die Absicht der USA, Komponenten der Raketenabwehr in die direkte Nachbarschaft zu den russischen Grenzen zu verlegen, wo sie zu strategischen Militäranlagen werden, ist die Quelle spezieller Bedenken. Wir müssen die vorgesehenen Militäranlagen bei den weiteren russischen militärpolitischen und militärischen Planungen berücksichtigen. Solche Pläne widersprechen der Zusicherung der NATO,  den Einsatz militärischer Kräfte zu begrenzen, welche in der Russland-NATO-Gründungsakte gemacht wurde.” [3]

Im Januar 2007 – kurz vor Putins kritischen Bemerkungen in München –  kündigte das Pentagon die US-Pläne an, ein anti-ballistisches Raketenabwehrsystem in Europa einzurichten. Das Pentagon behauptete, dass die Errichtung des Systems gegen die Bedrohung durch Feinde aus dem Nahen und Mittleren Osten gerichtet sei – genauer gesagt, gegen den Iran – und nicht gegen Russland.

Nach der Rede Putins in München gab das US-Außenministerium einen formalen Kommentar heraus, der besagte, die Bush-Administration sei über die “wiederholten scharfen Äußerungen aus Moskau über das vorgesehene System erstaunt.” In weiteren Stellungnahmen beharrte Washington darauf, die Verlagerung des AMD nach Europa sei gegen die Bedrohung einer iranischen Raketenattacke auf europäische NATO-Mitglieder oder gegen die USA selbst gerichtet. Wie Putin in München schon bemerkte, macht das keinen militärischen Sinn. ….. [4]

Sieben Jahre später und obwohl Russland eine  diplomatische Lösung sowohl in Syrien als auch für die Verstrickung Washingtons im Iran  ermöglichte, hat Washington den AMD-Ring um Russland auf Raketenstandorte in Rumänien, der Türkei, Bulgarien, Polen und der Tschechischen Republik erweitert.

Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wie das Gleichgewicht der Kräfte beeinflusst wird und warum Moskau sich weigert, die US-Raketenaufrüstung zu akzeptieren.

Washington bloßgestellt

Die russische Regierung verlor keine Zeit, auf den jüngsten  Durchbruch bei den P5+1-Verhandlungen … über Irans Nuklearprogramm zu reagieren. AM 25. November sagte der russische Außenminister Lawrow zu westlichen Medien in Rom: “Wenn der Iran-Deal in die Praxis umgesetzt wird, trifft der angegebene Grund für den Raketenschild nicht mehr zu.” [5]

Moskau stellte Washingtons Behauptung bloß, das Raketenschild  in Europa  sei nicht gegen Russland, sondern gegen den Iran gerichtet. Washington reagierte sofort.

Am 16. Dezember ließ US-Kriegsminister  Chuck Hagel verlauten, dass der P5+1-Aktionsplan…..nicht die Notwendigkeit für die USA und die europäischen Verbündeten eliminiere, mit der Implementierung der Raketenpläne in Europa fortzufahren. Hagel sagte weiter, dass die Raketenabwehrbemühungen der NATO keine Bedrohung für Russland darstellten und betonte, das beide Seiten ihre Konsultationen über zukünftige Raketenpläne in Europa fortsetzen sollten. [6] Hagel machte keine Anstalten zu erklären, warum das Abkommen mit Teheran die “Notwendigkeit” für ein US-Antiraketenschild  nicht obsolet mache.

Präsident Putin meinet dazu, “einst diente das iranische Atomwaffenprogramm als Hauptbegründung für  den Einsatz des Raketenschilds. Und was ist jetzt? Während das iranische Atomwaffenproblem sich in Luft auflöst, bleibt der Raketenschild bestehen. Und nicht nur das, er wird weiter ausgebaut.” [7]

Die fehlende Verknüpfung zum Erstschlagskapazität

Um mit den Höflichkeiten aufzuhören: Hagel lügt ganz einfach.

Wie der frühere Chef von  Präsident Reagans Anti-Raketenabwehrprogramms im Pentagon, Oberst Robert Bowman mir in einem Telephoninterview  im Jahre 2009 erläuterte, ist das sich entwickelnde US-Antiraketenschild um Russland alles andere als defensiv, so9ndern extrem offensiv. Bowman nannte die AMD-Aufstellung das “fehlende Glied zum Erstschlag.” [8]

Die USA halten die Möglichkeit eines Nuklearkrieges mit ihrem einzigen nuklearen Rivalen Russland für denkbar, und das ist wirklich und wahrhaftig verrückt.

Die erste Nation mit einem nuklearen Abwehrschild (AMD) hätte de facto eine Erstzuschlagsfähigkeit, weil sie in der Lage wäre, den nuklearen Gegenschlag des Gegners zu unterlaufen, indem sie dessen Raketen aus der Luft abfängt. Der US-Raketenschild – in Entwicklung seit den 1970er Jahren unter strengster Geheimhaltung des Pentagons – umfasst auch ein bodengestütztes System, welches auf einen begrenzten Raketenangriff reagieren kann.

Derzeit gibt es fünf Komponenten des  amerikanischen AMD-Sytems, darunter  ein phasengesteuertes Radar, welches den Start von feindlichen Raketen aufspüren und diese verfolgen kann. In der Theorie läuft es so ab: Sobald die Raketen abgefeuert sind und erfasst werden………..starten Abfangraketen, um die Angriffsraketen abzuschießen, bevor sie den US-Luftraum erreicht haben.

Sobald das US-AMD-System um Russland funktionsfähig ist, könnte die Versuchung bei einigen Leuten im Pentagon und im Weißen Haus ……, einen nuklearen Erstschlag auf Russland Nukleararsenal zu starten, überwältigend sein. Das Primat des nuklearen Erstschlags ist der Traum des Pentagon seit den 1950er Jahren.

In einem Artikel aus dem Jahre 2006 im führenden US-Magazin für Außenpolitik, dem Foreign Affairs, bemerken zwei US-Militäranalysten:

Wenn die Modernisierung der Atomwaffen der USA wirklich gegen Schurkenstaaten und Terroristen gerichtet wäre, bräuchte die Nuklearstreitmacht des Landes nicht die zusätzlichen Tausend Atomsprengköpfe für Bodenoperationen, welches es durch das W-76-Modernisierungsprogramm erhalten wird. Mit anderen Worten, die gegenwärtige und zukünftige US-Nuklearstreitmacht scheint so aufgebaut  zu sein, sie einen präventiven Entwaffungsschlag gegen Russland oder China ausführen kann.[9]

Ist es da ein Wunder, wenn Russland seine Iskander-Raketen stationieren will und andere Maßnahmen ergreifen will, um den verrückten AMD-Aufbau Washingtons zu kontern?

Fußnoten:

[1] Vladimir Putin, Rede des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf der 43. Münchner

‚Sicherheitskonferenz,’ München, 10.2.2007.

[2] Ibid.

[3] F. William Engdahl, Full Spectrum Dominance: Totalitarian Democracy in the New World Order, 2009, edition.engdahl, Wiesbaden, p. 22.

[4] Vladimir Putin, op. cit.

[5] RT, Lavrov: No need for European missile defense shield if Iran deal a success, RT.com, November 25, 2013, accessed in  http://rt.com/news/lavrov-missile-shield-iran-265/.

[6] RT, US to deploy ABM systems in Europe despite P5+1 deal with Iran, RT.com, December 17, 2013, accessed in

http://rt.com/news/hagel-shoigu-missile-defense-356/.

[7] Ibid.

[8] Robert Bowman, Lt. Colonel, USAir Force (Ret.), Statement made during a telephone interview with the author, March 15, 2009. Bowman was Director of Advanced Space Programs Development for the Air Force Space Division until 1978. In that capacity, he controlled about half a billion dollars worth of space programs, including the “Star Wars” programs, the existence of which was (at that time) secret.

[9]  Keir A. Lieber and Daryl G. Press, The Rise of US Nuclear Primacy, Foreign Affairs, March/April 2006, p. 51.

http://www.veteranstoday.com/2013/12/31/washington-plays-russian-roulette-with-missile-defense/

Diese und tausende andere News finden Sie ab jetzt auch auf Krisenfrei.de
  • Deutschlands größte alternative Suchmaschine
  • Über 2000 News aus allen TOP Quellen
  • Unabhängig und Übersichtlich
>>> JA, ich möchte alle alternativen News auf einen Blick

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen