Zypern-Krise: „Euro-Staaten verlieren Geduld, EU ist selbst schuld“

Die umstrittene Forderung nach einer Zwangsabgabe für zyprische Bankkunden hat der EU schwer geschadet, sagen russische Experten. Sie sprechen von einem zyprischen Staatsbankrott und einem „Einfluss-Konflikt“ zwischen Putin und Merkel.

Als es am 20. März klar wurde, dass die Kredit-Kredit einer zyprischen Delegation in Moskau ins Stocken geraten, meldete sich die russische Promsvyazbank (PSB) zu Wort. Sie zeigte sich bereit, bei der Ausarbeitung eines Rettungsplans für das zyprische Finanzsystem mitzuwirken. Dieses Geldhaus, das zu den größten in Russland gehört, hat eine Filiale auf der Mittelmeer-Insel. Derzeit hat diese Filiale zu – wie auch weitere Banken dort.

Viele Russen haben Konten in zyprischen Banken. Die Gesamtsumme wird auf 18 bis 26 Milliarden US-Dollar geschätzt (sämtliche Einlagen aller Kunden belaufen sich dabei auf 68 Milliarden Dollar). Es ist nicht schwierig, die Verluste zu kalkulieren, die aus der in Brüssel beschlossenen Zwangsabgabe für Bankkunden resultieren würden. Diese Zwangsabgabe soll 6,75 Prozent für Konten unter 100.000 Euro und 9,9 Prozent für Konten oberhalb dieser Marke betragen. Das ist eine Bedingung, die Zypern erfüllen muss, um die von der EU angekündigten zehn Milliarden Euro für die Rettung seines Finanzsystems zu bekommen. Garegin Tossunjan, Präsident des russischen Bankverbandes, sagte STIMME RUSSLANDS emotional, dass die EU und die zyprische Führung „wie Enteigner, ganz auf bolschewistische Weise“ vorgingen:

„Bisher habe ich immer die Weisheit der EU gelobt und gesagt, sie könne vernünftige Auswege aus schwierigen Situationen finden. Die jüngste Initiative hat mich aber richtig geschockt! Eine unglaublich falsche Entscheidung. Sie hat nicht nur dem Ruf der Steueroase geschadet, sondern auch der EU selbst. So etwas darf man nicht tun. Wir in Russland wissen aus unserer Geschichte ganz gut, dass eine Enteignung nichts Gutes bewirken kann. Gibt es problembelastete Banken? Bitte, es gibt klassische Bankrott-Verfahren. Warum werden alle geschlossen bestraft, wozu greift man in ihre Taschen? Es bleibt nichts anderes übrig, als einen verborgenen Hintergrund dieser ungeheuren Sache zu suchen. Etwa nach dem Motte: Schadenfreude ist die schönste Freude.

Das zyprische Parlament hat den von Präsident Nikos Anastasiades angestrebten Gesetzentwurf zur Zwangsabgabe vorerst blockiert. Was wird aber, wenn das Gesetz im zweiten Anlauf doch zustande kommt? Ist dann eine Kettenreaktion möglich? Tossunjan kommentiert:

„Man muss die Lage nicht übermäßig dramatisieren. Das Schrecklichste hat sich schon ereignet. Die Menschen haben einen schrecklichen Stress erlebt, indem sie auf eine zweifelhafte Entscheidung warteten, wobei alle Banken zu hatten und ihre Verpflichtungen nicht erfüllten. Hoffentlich kommt es aber nicht zu einer lawinenartigen Kapitalflucht aus Zypern und dem Euroraum. Die EU selbst scheint mittlerweile ihr Abenteuer mit der Zwangsabgabe zu bereuen. Sie wird das aber nicht zugeben, um das Gesicht nicht endgültig zu verlieren“.

Der Wirtschaftsexperte Michail Chasin, Chef der Beratungsfirma Neokon, kommentiert:

„Als Makroökonom nehme ich die Regeln des Finanzspiels sehr ernst. Dass die EU (lies: Deutschland) dagegen so verstößt, war nur unter Zustimmung des IWF möglich. Diese Zustimmung geht wahrscheinlich darauf zurück, dass der IWF begreift: Es ist nicht mehr möglich, das bestehende internationale Banksystem in seiner heutigen Form zu bewahren. Grob gesagt, findet man sich damit ab, was den Banken droht. Es spielt keine Rolle mehr, ob die zyprischen Angeordneten die EU-Forderung akzeptieren oder nicht: Das Staatsbankrott wurde bereits erklärt. Wenn die Banken nicht funktionieren (in Zypern ist das seit sechs Tagen der Fall), ist das eben ein Staatsbankrott. Früher oder später wird es auf Portugal, Spanien, Italien übergreifen. Ist eine Bankeinlage kein sicheres Asset mehr, lässt sich die Zukunft des Banksystems überhaupt nicht mehr prognostizieren. Das ist eine richtige Katastrophe!“

Angela Merkel ließ Zypern nur mit der EU-Kommission, der EZB und dem IWF über einen Kredit verhandeln, ohne sich an Drittländer wie Russland zu wenden. Doch Zyperns Finanz- und Energieminister sowie die Führung des faktisch staatlichen zweitgrößten Geldhauses Cyprus Popular Bank rannten sofort nach Moskau. Und davor hatte Präsident Anastasiades beim Kreml angerufen. Wie es sich herausstellte, hat Zypern Anteile an seinen Banken und Gasvorkommen angeboten, um russisches Geld zu bekommen. Warum hat die Regierung in Nikosia die Warnung aus Brüssel ignoriert? Chasin klärt auf:

„Das ist eine komplizierte Situation. Wir beobachten einen akuten Konflikt zwischen Putin und Merkel um den Einflussbereich. Merkel sagt quasi: ‚Zypern gehört uns‘. Putin erwidert: ‚Nein, nicht nur Euch‘. Die EU beansprucht faktisch die führende Rolle in Bezug darauf, die Regeln des Finanzspiels zu bestimmen. Und wenn sie sozusagen fordert, zum Fenster hinauszuspringen? Dabei ist die EU nicht in der Lage, die Stabilität im Euroraum zu sichern. Die Euro-Staaten verlieren allmählich Geduld und beginnen deshalb damit, Ressourcen-Quellen selbständig zu suchen. Die EU-Spitze ist selbst schuld daran, dass mittlerweile nicht einmal winzige Staaten wie Zypern auf sie hören“.

Am 21. März verhandelte die zyprische Delegation in Moskau weiter. STIMME RUSSLANDS berichtet. Verfolgen Sie die Entwicklung auf unserer Webseite.

http://german.ruvr.ru/2013_03_21/Zypern-Krise-Euro-Staaten-verlieren-Geduld-EU-ist-selbst-schuld/

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